Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Dienstag, 31. Mai 2011

Zu neuen Ufern...

Deutschland befand sich nach dem Krieg im Wiederaufbau. Wohnungen waren knapp, viele Häuser ausgebombt. Meine Eltern hatten 1950 geheiratet und zogen zum Leidwesen meines Vaters in das Haus der Schwiegereltern. Dort bewohnten sie eine kleine Wohnung mit Schlafraum und Wohnküche, die mit einer Gasheizung ausgestattet war.

Mit meiner Oma stand mein Vater von jeher auf Kriegsfuß, denn sie war eine dominante Frau. Da er selbst seine despotische Einstellung nicht ablegen konnte, rasselten beide nur allzu oft aneinander. Also ging man sich innerhalb des Hauses aus dem Weg.


Oma dachte stets sachlich, praktisch und fromm, ohne jemals sentimental zu sein. Sie war dunkelblond, breithüftig und vom Wesen her ruhig aber resolut. Sie sprach mit einem niedlichen, ostpreußischen Dialekt - heutzutage eine nahezu ausgestorbene Sprachfärbung. Oma war sehr sparsam und drehte jeden Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Deshalb hatte sie auch immer Geld.

Krankheiten wurden selbst therapiert, weil ein Arzt zu teuer und obendrein in ihren Augen überflüssig war. Einer dieser "Quacksalber" - wie sie die Ärzte nannte - hatte sie in den 40er Jahren für unheilbar krank erklärt und ihr den baldigen Tod prophezeit. Damals war sie an schwerem Rheuma erkrankt, das ihr aufs Herz geschlagen war. Der üblen Diagnose zum Trotz behandelte sie sich selbst und wurde wieder gesund. Aufgrund der schlechten Erfahrung ließ sie bis an ihr Lebensende im 93. Jahr keinen Arzt mehr ins Haus. Die ganze Familie wurde mit "Haarlemer Öl" behandelt - ein Mittel für alles, das widerlich nach Terpentin roch und kaum runterzubringen war.

Obwohl mein Opa täglich zehn Stunden und mehr im Stahlwerk schuftete, bekam er nur ein kleines Taschengeld, wovon er sich ab und zu Zigarren oder Stumpen kaufen konnte. Aus jeder Packung bekam ich die Bildchen, die ich in einer Zigarrenkiste sammelte.



Penibel wurde von Oma Buch geführt. Dafür benutzte sie jedes Blättchen, das sie trotz der Papierknappheit finden konnte. Selbst Opas vergilbte Gedichtheftchen, mit Deckblättern aus alten Feldpostkarten, wurden derart "entehrt". Neben den einst von ihm gedichteten, sehnsuchtsvollen Liebesversen, standen nun Zahlenkolonnen und Auflistungen von Ein- und Ausgaben, Kosten für Tabakwaren, Benzin für das 1937 angeschaffte Motorrad und Notizen über Weinansatz und Hypothekentilgung, denn Oma hatte von ihrem Erbteil das 1896 erbaute Haus für 7.000 Goldmark gekauft. 




O, zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
der ersten Liebe goldne Zeit,
das Auge sieht den Himmel offen,
es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O, dass sie ewig grünen bliebe -
die schöne Zeit der jungen Liebe.

Zum Andenken, dein Robert. 
(aus: "Das Lied von der Glocke" von Friedrich von Schiller)

Montag, 30. Mai 2011

Kasperl

Gemälde von U. Schröder (1901) aus dem "Gartenlaube-Bilderbuch"

Glücklich
von Cornelie Lechler


Da steht er, wie gemacht zum Malen,
im roten Rock, der kleine Wicht.
Die himmelblauen Augen strahlen,
und sonnig leuchtet sein Gesicht.

Von allen Schätzen, die sein eigen,
trug er das Schönste heut herbei.
Der ganzen Welt möcht' er es zeigen
wie köstlich sein Besitztum sei.

Und kann er auch kein Wörtchen sagen,
fühlt er doch wie ein König sich,
und seine frohen Augen fragen:
"Sagt, wer ist glücklicher als ich?"



Sonntag, 29. Mai 2011

Knit Ribbed Cardigan

Am 13. Mai hatte ich mit dem Stricken des Jäckchens begonnen. Nun ist es fertig. Es passt aufgrund der A-Form ausgezeichnet zu meinen Lagenlook-Kleidern und Hosen. Obwohl ich erst annahm, dass das Muster auftragen wird, bin ich angenehm überrascht, weil das nicht so ist. Der Kragen ist halsfern - auch wegen der schweren Knöpfe, die ich verwendet habe.

Möglicherweise sind sie aus Elfenbein. Ich habe sie vor Jahren auf dem Trödelmarkt erworben. Sie stammen aus der Zeit vor dem Krieg. Jetzt konnte ich sie endlich verwenden.


Mein Kater hat als Woll-Modell versagt - er war zu müde und kriegte die Augen nicht auf.


Deshalb hier noch einmal:
Bouclé-Wolle von Drops-Design

Kostenlose, gut verständliche, englische Anleitung:  www.redheart.com


Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag! Bei mir ist es heute ungemütlich. Der Stadtmarathon geht direkt durch unsere Straße. Ich werde es mir auf der Couch gemütlich machen.

Freitag, 27. Mai 2011

Unschuld...

Die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt von Firmenzusammenbrüchen und Massenarbeitslosigkeit. Sogar Banken wurden geschlossen. Die Welt stand wirtschaftlich am Abgrund. Bei sechs Millionen Arbeitslosen nahmen Kriminalität und Armut sprunghaft zu.

Die Bevölkerung hungerte, war verzweifelt und suchte nach Auswegen. Oft wurde der Freitod als einziger Ausweg aus der existenziellen Not gewählt. Zum Überlebenskampf gehörten Heimarbeit, Hausieren und Tauschgeschäfte. In den Großstädten häuften sich die Unruhen und oft galt die Prostitution für viele Frauen als letzter Ausweg um zu überleben. Das Geld war nichts mehr wert und zu kaufen gab es sowieso nichts mehr. Überall dachte man, mit Hitler würde bestimmt alles besser werden. Er gab den Menschen wieder Hoffnung, und da, wo sich die allgemeine Fremdenfeindlichkeit des Ersten Weltkrieges tief in die leidgeprüften Gemüter eingeprägt hatte, drehten sich die Mühlen des Hasses schneller und schneller. 

Dann kam Hitler an die Macht. Alles Schwache sollte ausgelöscht werden. Hitler begann, die Jugend für sich zu formen und die Alten zu schleifen. Das NS-Regime richtete eigene Kindergärten ein, wo natürlich auch ein Morgengebet gesprochen wurde: "Händchen halten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken!", war beispielsweise eines davon. Fortan legte man Wert darauf, dass die militärische Ausbildung bereits bei den Kleinsten begann. Zweckdienliches Spielzeug waren Holzsäbel, Helme und Uniformen, woran vor allem die Jungen Freude hatte. Die Jugend bekam einen Lebenssinn, der sie den Erwachsenen ebenbürtig machte.

Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend wollte Hitler schaffen. Stark und schön sollte sie sein und vor allen Dingen athletisch. Die totale Erziehung sollte alle Kräfte des menschlichen Körpers und Geistes erwecken und zu hoher Leistung führen. Es sollte ein germanischer Weltgeist entstehen, der Deutsche ein Schöpfer, ein Gottmensch.

Auch mein Vater war zunächst bei der Hitlerjugend; meine Mutter beim Bund deutscher Mädels.

Mit 15 (!) Jahren kam mein Vater dann nach Dänemark. Dort sollte er eine Ausbildung zum Offizier machen, die er jedoch abbrach. Alle seine Kameraden wurden zur Ostfront abkommandiert. Keiner von ihnen ist zurückgekehrt. Mein Vater geriet nach seiner Rückkehr am Niederrhein in Gefangenschaft und wurde dort den Franzosen übergeben, wo er zwei Jahre verbringen musste. (vorne links)

 
Gefangenschaft in Bergerac/Südfrankreich
Im Anschluss arbeitete er dort noch zwei weitere Jahre in der Landwirtschaft. (links)

Arbeit in Frankreich
Als er nach Hause zurückkehrte, sprach er ein perfektes Französisch. Anfang der 60er Jahre sandte ihm sein damaliger Arbeitgeber eine nach Veilchen duftende Karte ins Haus, mit einer Einladung nach Bergerac. Mein Vater wollte davon nichts wissen und hat Frankreich nie wieder betreten. 

Mein Großvater, väterlicherseits (erste Reihe, links), diente im Zweiten Weltkrieg als Feldwebel. Ich habe ihn nie kennengelernt. Er fiel am 07.08.1944 bei Auray in Frankreich und wurde auf dem Friedhof in Pornichet begraben.

Viele Häuser in der Nachbarschaft meines Elternhauses waren ausgebombt. 


Ja, das war damals die bitterböse Wirklichkeit...und ist es in anderen Teilen der Welt leider auch heute noch. 


 Unschuld
 von Gisela Seidel


Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.

Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schreien nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.

Sehn eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.

Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Donnerstag, 26. Mai 2011

In einem kühlen Grunde



Text: Joseph von Eichendorff  (1788-1857)
Melodie: nach Johann Friedrich Glück (1793-1840)


In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad.
Mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu' gebrochen,
das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
wohl in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und geh' von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei dunkler Nacht.

Hör' ich das Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was ich will;
ich möcht' am Liebsten sterben,
da wär's auf einmal still.


Dienstag, 24. Mai 2011

Die Rhön ist schön...

Ich hatte heute nach alten Fotos gesucht, die in der Rhön gemacht worden sind. Einige wenige habe ich gefunden.
Also gibt es zu den vielen Erinnerungen in meinem Kopf nichts, das ich zeigen könnte. Damals habe ich als kleines Mädchen viel gelernt, zum Beispiel, wie man Schweine füttert. Täglich wurden große Töpfe mit Kartoffeln gekocht, gestampft, mit Kleie vermengt und in die Tröge gefüllt. Die Schweine fraßen alles und wenn man als kleines Kind nicht aufpasste, landete man womöglich im Trog und wurde auch gefressen. Damit schockte mich meine Mutter, und weil ich immer noch manchmal ins Bett machte, sperrte sie mich zur Strafe in den Schweinestall. Alles Weinen, Schreien und Bitten half nichts. Über eine Stunde musste ich dort bleiben. Starr vor Schreck und voller Angst sah ich mich bereits in den gierigen Mäulern der grunzenden, quiekenden Schweine.

Auf dem Land war alles anders. Die Enkeltochter des Bauern, bei dem wir untergebracht waren (in der Gasse, beim Bürgermeister), saß meist mit einer übel laufenden Rotznase am Mittagstisch, was meinen Eltern den Appetit mächtig verderben konnte. Was ich heute durchaus verstehen kann.

Alles wurde selbst hergestellt: Wurst, Käse, Brot und Schinken. Auf dem Dachboden hingen die Würste und lagerte das Korn. Das ging nicht ohne Blutvergießen vonstatten. Die Schlachterei bekam ich nur am Rande mit, wenn ich mithelfen musste, ein Huhn zu rupfen oder wenn das Streichelkälbchen zum Schlachthaus gebracht wurde, weil es ein Stier war. Das konnte ich damals noch nicht verstehen. Dann flossen Tränen.

Holz wurde mit dem Trecker aus dem nahen Wald geholt, und auch das frühe Aufstehen machte keine Mühe, denn ich durfte mit den Kindern die Kühe auf die Weide treiben. Im Herbst wurde das Heu geschichtet und die Rüben geerntet. Das war zwar viel Arbeit, aber es gab hinterher nichts Schöneres, als oben auf dem Heuwagen zu sitzen. 
Ich entwickelte mich zur begeisterten Blumenpflückerin und liebte es, durch die Felder und Wiesen zu laufen. 
Manchmal musste ich auch zum Pipimachen ins Gras, was meine Mutter auf diesem Bild festgehalten hat:

Als die Fotos gemacht wurden, war ich ca. drei Jahre alt. Immer wieder zog es mich auch in späteren Jahren nach Habel. Hier, in der Mitte, ca. 8 Jahre alt, mit den Töchtern meiner Gastfamilie: 

Die Kirche in Habel.
Habel bei Tann/Rhön

Montag, 23. Mai 2011

Neues aus meiner Gartenwelt...

Übermorgen werden meine neuen Nachbarn einziehen. Die Schilder zum Absperren stehen bereits an der Straße. Der Rollrasen vor dem Gartenhaus ist gelegt und muss nun feucht gehalten werden, was gar nicht so einfach ist, bei dem Wetter.

  Aussichten von meinem Fenster: (vorn: Gemeinschaftsfläche)
 Auf meiner Seite (rechts), blühen zur Zeit meine Lieblingssträucher: Duftjasmin. 
Leider kann ich immer noch nichts riechen, wegen des Schnupfens. 


Die schönen, uralten Strauchrosen blühen in vielen Farben:

Und obwohl ich mir vorgenommen hatte, keine neuen Pflanzen zu kaufen, 
konnte ich an dieser Hortensie nicht vorbeigehen:

Dabei hatte ich schon einige Fuchsien neu gepflanzt. Mein Beet wird immer größer:

 Und es gibt noch andere "nette Kleinigkeiten", wie zum Beispiel meine Englischen Rosen:
 
 
Es wird gar nicht mehr lange dauern, dann stehen die Pfingstrosen in voller Blüte:



Jasmin und Flieder blühen;
es ist die schönste Zeit. 
Ich aber fühle schlimmer
als je die Einsamkeit.

Theodor Storm (1817-1888)

Sonntag, 22. Mai 2011

Alle Tage ist kein Sonntag...

In der Mitte der 50er Jahre hatte "Schmalhans" die deutschen Küchen verlassen. Alle waren gut genährt. Es stand genügend Essen auf dem Tisch, sonntags meist dreigängig, wobei Rindfleischsuppe, Koteletts mit Erbsen und Möhren und abschließend Schokopuddig mit Vanillesoße, ganz oben auf der Beliebtheitsskala meines Vaters stand.

In den Läden hatte man noch nicht die Auswahl wie heutzutage. Vieles wurde selbst angepflanzt oder hergestellt. Der Keller war voll mit Eingekochtem, Kartoffeln und Obst. Die Leute waren sparsamer. Es gab wenig Müll - man war weit entfernt von der heutigen Wegwerfmentalität. Alles wurde aufbewahrt und fand Verwendung. Die Menschen schätzten die Handarbeit, weil sie dadurch Geld sparen konnten. Heute ist es billiger, Kleidung aus dem Ausland zu kaufen. So etwas gab es damals nicht...auch keine Pizza vom Italiener, keine Pommes Frites oder Döner vom Türken. Nur wenige hatten Telefon und Fernseher. Niemand fuhr "mal eben" in Urlaub oder kaufte jeden Monat neue Klamotten. Man war sparsam, weil das Geld knapp war und die Löhne niedrig. Aber die Menschen waren zufriedener als heute und gingen respektvoller miteinander um. Ihnen steckten die elenden Kriegsjahre noch in den Knochen.

In den kleinen Geschäften wurde man noch persönlich bedient. Zwei Mal wöchentlich war Markt. Ich weiß noch, wie ich fröhlich hüpfend an der Hand meiner Mutter dorthin lief. Am Wurststand gab es eine Scheibe Fleischwurst. Wenn die Einkäufe erledigt waren, hopste ich genauso fröhlich aber durstig wieder neben meiner Mami nach Hause zurück. "Hast du Durst, dann geh nach Frau Wurst. Die hat ein klein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen!", sagte sie dann immer, wenn ihr mein Gequengel zu bunt wurde. Diese Geschichte gehört zu den guten Erinnerungen meiner Kindheit.

Manchmal durfte ich auch die mit frischer Milch gefüllte Blechkanne mit dem Holzgriff tragen. Dann fühlte ich mich mächtig stark und groß.


Das war die Zeit, in der ich meine Kosenamen bekam: Giselchen, die Dern (sagte mein Vater) und Püttichen.



Aber leider kann nicht alle Tage ein Sonntag sein.

Freitag, 20. Mai 2011

Die zweite Heimat...

Es gibt ein fernes Örtchen in Hessen, das mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist. 

Blick auf Habel, der Habelberg im Hintergrund (Foto: Kleins-Wanderreisen.de)
 
Schon meine Mutter hatte dorthin eine enge Bindung. Gegen Kriegsende war sie aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. 
Meine Mutter als BDM-Mädel
Ihm gehörte der größte Bauernhof des Ortes. Seitdem wurde der Kontakt aufrechterhalten. Das Dorf heißt „Habel“ und liegt unterhalb vom „Habelstein“, einem kleinen Berg im dortigen Naturschutzgebiet, der mit seinen 681 Metern den Wanderer lockt. Habel gehört zur Stadt Tann in der Rhön.

Schon als Dreijährige bin ich mit meiner Mutter dorthin gefahren. Bis zu meinem 15. Lebensjahr folgten noch etliche Male. Als mein Vater nicht mehr dazu bereit war, dort seinen Urlaub zu verbringen, war ich sehr traurig. Er wollte nicht mehr, denn es war jedes Mal ein Arbeitsurlaub. Jeder musste mit anpacken – auch die Kinder. 


Meine Mutter nahm 1956 die beschwerliche Bahnreise auf sich, um ihren Mann zu entlasten, der mitten in der Meisterprüfung steckte. Er konnte anscheinend niemanden um sich ertragen und reagierte hochgradig aggressiv auf Störungen (von der ich eine war), wie mir meine Mutter später erzählte. 


Damals trug sie sich mit dem Gedanken, ihn zu verlassen. Aber das war in den 50er Jahren nicht so einfach, mit einem Kind, in Abhängigkeit von ihm und ohne Geld. Sie nahm sich eine Auszeit und fuhr mit mir aufs Land.  

Für mich war Habel das Paradies – ein Stück vom Himmel! Die schöne Zeit dort werde ich nie vergessen. Heute weiß ich, dass nur auf dem Land die Kindheit in besonders genüsslichem Maße erlebt werden kann. Ich lebe inmitten der drückenden Häuserenge einer Großstadt. Mir geht auch heute noch bei den Erinnerungen an jene Zeit in der Rhön das Herz über. 



Mittwoch, 18. Mai 2011

Sauerampfersuppe

Foto: Wurzlsepp - Pixelio
Da ich noch nichts Neues zum Vorzeigen habe, möchte ich Euch heute wieder ein Rezept aus Ostpreußen vorstellen. Es kann jedoch nur in Gebieten nachgekocht werden, wo die Natur noch natürlich sein darf. Ich habe noch keinen Sauerampfer in einem Laden gesehen. Da muss man sich selbst auf die Suche machen.

Man nehme:

750 g Rindfleisch
1 Bund Suppengrün
Salz oder Brühwürfel
750 g Sauerampfer
2 EL Mehl
1/4 l saure Sahne
2 Eigelb
1 Prise Zucker
Saft einer halben Zitrone
3 EL Butter
8 hartgekochte Eier
750 g Kartoffeln

Aus dem Rindfleisch und dem geputzten, grob zerkleinerten Suppengrün wird unter Zugabe von 1 1/2 Liter Wasser, Salz/Brühwürfel (ich nehme beides) eine kräftige Brühe gekocht. Fertig passiert man sie entweder durch ein Sieb oder man püriert alles mit einem Mixstab.

Zwischenzeitlich wird der Sauerampfer gewaschen, fein gehackt und kurz in der Brühe gekocht. (Man kann ihn aber auch durch ein Sieb streichen) Das Mehl mit der sauren Sahne verquirlen (am Besten klumpfrei in einem Mixbecher), die Suppe damit binden und mit dem Eigelb legieren. Dann mit Zucker, Zitrone und Salz abschmecken. Zum Schluss mit der Butter verfeinern. Das Rindfleisch in Würfel schneiden und mit den hartgekochten Eiern zur Suppe geben. Mit Salz und Pellkartoffeln servieren.




Arm Kräutchen
von Joachim Ringelnatz 1883-1934

Ein Sauerampfer auf dem Damm
stand zwischen Bahngeleisen,
machte vor jedem D-Zug stramm,
sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm,
schwindsüchtig und verloren,
ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahen.
Der arme Sauerampfer
sah Eisenbahn um Eisenbahn,
sah niemals einen Dampfer.