Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Donnerstag, 10. November 2011

Sankt Martin

Foto: Dieter Schütz - Pixelio.de
Ich erinnere mich gerne an die Sankt-Martins-Fackelzüge, zusammen mit meinem Sohn. Wir zogen mit selbstgebastelten Laternen vorbei an meinem Elternhaus, durch das Viertel meiner Kindheit, hin zur alten Volksschule, der späteren Grundschule meiner Kinder. Als der Zug auf dem Schulhof eintraf, war es bereits dunkel. Wenn die Fackeln brannten - früher noch mit echten Kerzen - wurden mit einem Mal alle Erinnerungen wach: an die alten Lieder, das Gehen von Haus zu Haus, die vollen Tüten mit vielen Süßigkeiten, die es sonst nur sehr selten gab, an unsere, von der Kälte rot gewordenen Wangen, das Singen und Lachen, das durch die noch wenig befahrenen Straßen klang und das Auspacken der Schätze, die zu Hause aus der Tiefe der Tüte zum Vorschein kamen. 

Aber es gibt nicht nur schöne Erinnerungen. Mit 12 Jahren ging ich zum letzten Mal von Haus zu Haus. Die Tüte war noch viel voller als sonst gewesen. Ich lief mit einer Freundin, und meine Mutter schickte mich zum letzten Haus auf unserer Straße. Dort würde ich bestimmt noch etwas bekommen, meinte sie. Also sangen wir dort, doch nachdem wir fertig waren, sprangen plötzlich zwei Jungs aus dem Dunkel und rissen mir die volle Tüte aus der Hand. Heulend bin ich dann nach Hause gegangen. Das ist meine letzte Erinnerung an Sankt Martin. 

Bei uns habe ich lange keine singenden Kinder mehr gesehen und gehört. Von Haus zu Haus geht hier niemand mehr. Warum auch? Es gibt ja alles im Überfluss. Ich habe schon volle, weggeworfene Tüten gesehen, die am Straßenrand lagen. Wenn ich so etwas sehe, schüttelt es mich. 
Foto: segovax - Pixelio.de


St. Martin, St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
St. Martin ritt mit leichtem Mut,
sein Mantel deckt ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee, da saß ein armer Mann,
hatt’ Kleider nicht, hatt’ Lumpen an:
"Oh helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bitt're Frost mein Tod!"

St. Martin, St. Martin, St. Martin zieht die Zügel an,
sein Ross steht still beim braven Mann.
St. Martin mit dem Schwerte teilt
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin sporne du uns an,
dass jeder Liebe geben kann!
Bring Licht in unsre dunkle Welt,
dass es der Menschen Herz erhellt!


VON HAUS ZU HAUS

Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir:
Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus.
Rabimmel, rabammel, rabum.

Reicher Mann

Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann.
Viel soll er geben,
lange soll er leben,
selig soll er sterben,
das Himmelreich erwerben.
Laßt uns nicht so lange stehn,
denn wir müssen weitergehn, weitergehn.

Und wenn’s nichts gab: „Geizhals, Geizhals!“

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Brenne auf mein Licht,
brenne auf mein Licht,
aber nur meine liebe Laterne nicht.

Bin ein kleiner König,
gib mir nicht zu wenig,
gib mir nicht zu viel
mit dem Besenstiel.
Rike - pixelio.de
ICH WÜNSCHE EUCH EIN SCHÖNES WOCHENENDE !

Kommentare:

  1. Schade, dass sich unangenehme Erinnerungen oft so nachhaltig einprägen. Die Jungs hatten dir deine Martinsfreude brachial genommen. Wirklich schade.

    St. Martin findet bei mir schon lange lange nur noch in meinen Liedern und Geschichten statt. In der Pfalz, meiner Heimat, gab es zwar Martinszüge, doch das Von-Haus-zu-Haus-gehen, das kannten wir nicht. Schade eigentlich. Ich erinnere mich eigentlich nur noch an die Besuche in St. Martin, einem klitzekleinen, sehr romantischen Weindorf in unserer Nähe. Dort gab es einen großen Umzug mit einem Martin auf dem Pferd und einem Martinsspiel ... und zum Schluss bekam jeder Zugteilnehmer eine Martinsbrezel, die natürlich besser schmeckte als alle Brezeln auf der Welt. Klar... ;)
    Wie schön, dass die Erinnerung nun doch wieder da ist. Dank deinem "Anstupser" hier.
    Lieber Gruß
    Elke

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  2. ich kenne noch die Strophe:

    St Martin, St. Martin, St. Martin legt sich müd zur Ruh
    da tritt im Traum der Herr hinzu
    er trägt des Mantels Teil als Kleid
    sein Antlitz strahlt in Herrlichkeit.

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  3. Sehr schönes Gedicht!
    Das stimmt, nicht nur die schönen Erinnerungen bleiben haften, leider auch die negativen!!
    Ein Leben lang, ist das nicht so?
    Ganz liebe Grüsse maggy

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  4. Als es dunkel war zogen heute viele Kinder in Begleitung der Eltern durch unsere Siedlung und sangen Lieder. Jedes Jahr finde ich es schön, wie die Kleinen stolz mit ihrer Laterne laufen.
    Aus meiner Kindheit kenne ich das leider nicht.

    Liebe Grüße
    Chrissi

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  5. Es ist schön, wenn man Erinnerungen mit anderen teilen kann. Das Schwere wird mit der Zeit erträglicher. Auch das gehört zu unserem Leben.

    Danke, Sinaida, die Strophe kannte ich noch nicht. Sehr schön!

    Ja, liebe Maggy, leider ist das wirklich so: Die negativen Erinnerungen überragen immer die guten. Vielleicht muss das so sein, um uns zu schützen. (?)

    Chrissi, dann wird diese alte Tradition ja doch noch mancherorts hochgehalten. Das freut mich!

    Euch allen ganz liebe Grüße und danke für Eure Gedankengeschenke!

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  6. Im stillen hab ich gerade mitgesungen.
    Ja es war eine schöne Zeit.
    Mittlerweile sind die Tüten viel viel kleiner und bei weitem nicht so schön gefüllt wie wir es noch von alten Zeiten her kennen.
    Ich kann mich an Plätzchen, Nüssen, Äpfel, Mandarinen, Apfelsinen,Schokolade und einem großen Weckmann erinnern.
    Für die Tüten wird ja in den Orten gesammelt, viele machen nicht mehr auf und die, die etwas geben, da sind die Beträge so gring .... womit will man dann die Tüten füllen ?
    Statt Papiertüten gibt es weiße Tragetaschen , die natürlich nicht gerade die Note 1 verdient haben.
    Es wird nüchterner und ab dem 7 oder 8. Schuljahr gibts gar keine mehr.
    Ach, die schöne alte Zeit, nicht wahr ?!!!
    liebste Grüße,
    Moni

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  7. .....und bei uns ist es fast noch so, wir wohnen in einem kleinen dorf, dort wird der martinsumzug vom männergesangverein finanziert und organisiert, es gibt ein pferd mit reiter und einen posaunenchor.....wir laufen alle laterne und singen, dann gibt es ein riesiges martinsfeuer....anschließend geht man zum gemeidnehaus, dort bekommt jedes kind einen weckmann und kinderglühwein.....ich freue mich schon auf heute abend und sogar meine großen kinder laufen noch mit und bestaunen die vielen selbsgebastelten laternen (unser jüngster hat in der schule auch eine gebastelt)...
    liebe grüße
    annette

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  8. Liebe Gisela,
    ich bin ja von der Stadt auf's tiefste Land gezogen vor 25 Jahren. Bei uns wird das alte Brauchtum noch sehr gepflegt, nur ein Beispiel, an Ostern gehen die Ministranten und sammeln "Ratscheier" ein, das bedeutet, sie ziehen von Haus zu Haus und bekommen Süßes und Geld für ihr "Ratschen" in der Karwoche. Ich habe mich schon eingedeckt mit Süßem,denn sicherlich kommen auch heute mehrere Kinderlen an meine Tür mit ihren gebastelten Laternen.
    Schönen Tag und ein angenehmes Wochenende wünsche ich dir
    liebe Grüße Crissi

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  9. Eine grauenhafte letzte Erinnerung! Wirklich schlimm...
    Ich denke, viele Eltern wollen ihre Kinder heutzutage nachts nicht mehr auf die Strasse lassen. Und ich glaube auch, dass die Empfindlichkeit aufs Leuten abends und so gestiegen ist, und mehr Menschen verusichert und verärgert reagieren, wenn plötzlich singende Kinder vor ihrer Haustüre stehen... vor allem, wenn die Tradition im Vergessengehen ist... Bei uns gibt es noch das Sternsingen- aber nur im einen Teil der Gemeinde, bei uns schauen sie nie vorbei, leider...
    lg Bora

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  10. Guten morgen liebe Gisela
    leider haben sich die Zeiten geändert!!
    Hier kommen auch keine Kinder mehr singen! Es ist so schade!!!!!!
    Ich denke gerne an meine Jugendzeit zurück!
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!
    LG Gisela

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  11. Bei uns ist heute Martinsumzug. Alle Kinder treffen sich vor dem Gemeindehaus und dann gehen alle gemeinsam mit den leuchtenden Laternen zur Kirche hinauf. Dort gibt es ein Martinsspiel, das Volksschüler vorbereitet haben und der Pfarrer erzählt auch noch was vom Hl. Martin. Ich freu mich sehr, dass diese Tradition, die ich noch von mir als Kind kenne, weiterlebt. Mein großes Mädchen freut sich sehr, heuer das erste Mal mit der Kindergartengruppe unterwegs zu sein. Mal sehen, ob der hl. Martin auch auf einem Pferd dabei sein wird (wobei sich mein Mädchen dann wohl hauptsächlich für das Pferd interessieren wird *schmunzel*). Alles Liebe. maria (ich find es so schön, dass du die Liedtexte hier zusammengefasst hast!!!)

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  12. Vielen Dank für die tollen Gedichte und kleinen Geschichten zum Martinstag. Bei uns kommen die Kinder noch zum Singen und gehen mit den Laternen durch die Strassen. Liebe Grüße Senna

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  13. Ach, liebe Gisela,

    Martinstag ist ein lustiges Fest!
    Schade, dass solche schlimme Erinnerungen aus der Kindheit bei dir geblieben sind! Schade, dass die Kinder nicht mehr singen.

    Herzlichst Nadja

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  14. Danke, Ihr Lieben, für die netten Kommentare!

    Meine Oma und auch meine Mutter hatten direkt neben der Haustüre einen großen Sack mit gemischten Bonbons stehen und es gab Nüsse und Plätzchen. Heute wollen die Kinder Geld haben. Hab das alles schon erlebt. Zuviel Wohlstand schadet den Kinderseelen! Zurück zur Einfachheit täte der Wegwerfgesellschaft sehr gut, zu der ich leider auch gehöre.

    Ich wünsche Euch einen schönen Abend!

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  15. Ja, liebe Gisela!

    Ich bin damit ganz einverstanden! Alle Eltern wollen ihren Kindern nur das Beste geben, aber zuviel Wohlstand schadet den Kinderseelen! Was tun? Eine schwere Frage!

    herzlichst Nadja

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  16. Es gibt keinen Weg zurück, liebe Nadja. Die Kinder müssen selbst ein anderes Bewusstsein entwickeln, aber das ist nicht leicht. Mit diesen weisen Worten sagte es Ephides:

    [..]Beispiel und Vorbild nur können den Menschen belehren,
    Wissen muss jeder, wie du, sich erwerben allein.
    Erst wenn dein Wandel bezeugt deines Wissens Bewähren, wirst du ein Weiser und andern ein Wegweiser sein.

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  17. Liebe Gisela,

    Ja, das sind weise Worte!

    Ich wünsche dir ein gutes Wochenende!

    Herzlichst Nadja

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