Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Samstag, 8. Oktober 2011

Herbstbild vom Niederrhein...

Kopfweiden in der Rheinaue bei Duisburg-Rheinhausen
In früheren Zeiten zeichnete man vom Herbst am Niederrhein ein besonderes Bild. Es war ganz anders, als in der heutigen, schnelllebigen Zeit, denn es hatte Tiefe. Heute scheint alles nur noch oberflächlich zu sein. Man schaut ein Bild, das zwar ins Auge dringt, sich aber nur selten im Herzen einprägt. 

1924 am Niederrhein (aus meinem autobiographischen Roman „Henriette Brey - Die Dichterin der Seele“). 

Henriette Brey (1875-1953) erzählt aus ihrer Jugend:

„ Es nahte der Herbst. Die Natur hatte das hochsommerliche Prangen längst beendet und reifte in stiller Fruchtvollendung der Erntezeit entgegen. Es war die Zeit, die ich am Niederrhein besonders liebte. Dann blühte die Heide und breitete wie eine Königin ihr schleppendes Purpurgewand aus, bestickt mit Enzianen und Glockenblumen. Dann wandelte sich die graue Unscheinbare zur Jugendschönheit.

Wie ein schimmernder, roter Samtteppich wogt dort um diese Zeit ein Meer rosenroter Blüten, soweit der Blick reicht. Diese geheimnisvolle, schwermütige Stille, unter der doch unendliches Leben kreist. Doch so schön, wie die Herbstschönheit der Heide war, so öde waren dort die langen Wintermonate, die jede irdische Glückseligkeit verschlangen. Dann musste man vorsichtig den Weg suchen, zwischen fußhohem Schnee und morastigem Schlamm. Tückisch versteckt lagen die Kolke und Moore, wenn der Sturmwind über die öde Wildnis pfiff, und die Alten erzählten, dass dort die Geister umgingen…“ 

Foto von Gabriele Planthaber - Pixelio.de

Obwohl sie an Knochentuberkulose litt, die sie lähmte und monatelang ins Gipsbett zwang, hatte sie der Lebenswille nie verlassen. Trotz ihrer lebenslangen Unterbringung in Krankenhäusern, ist das niederrheinische Herbstbild in ihrer Erinnerung lebendig geblieben. 

Heute möchte ich an diese Frau erinnern. Sie hat über 50 Bücher geschrieben, bekam sogar einen Orden vom Papst, doch heute kennt sie niemand mehr. 

ICH WÜNSCHE EUCH EIN SCHÖNES WOCHENENDE !

Zeichnung von Heinrich Brey
"Die Einsamkeit, die heilige hehre Einsamkeit bedeutet Freundin und Wohltäterin!
Sie ist die Erweckerin höchster Lebenskräfte, ist Trösterin.
Zu ihr kannst du flüchten aus der brodelnden Wirrnis des Alltagsgeschehens, aus den lauten Stimmen des Lebens, die so leicht all die feinen und leisen Stimmen deines Allerinnersten übertäuben und ersticken. Sie zeigt dir wieder den verschütteten Weg zu deinem dir fremdgewordenen allerinnersten Ich."

von Henriette Brey aus dem Elfenbüchlein "Herzschläge", Bergland-Verlag (1926) 

Familie Brey aus Kapellen bei Geldern - Henriette an der Hand ihrer Mutter

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. mich berührt gerade sehr
    die wunderbare Sprache
    der Dichterin der Seele!
    Henriette Brey?
    ich kannte sie nicht,
    nun aber bin ich neugierig
    durch Deinen Post,
    liebe Gisela,
    für den ich Dir
    von Herzen danke ♥

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  3. nun war ich auf der Homepage und sah,
    dass Du Projekt-Mitarbeiterin bist ...
    von daher liegt Dir Henriette Brey
    natürlich besonders am Herzen ?!
    danke für den Link,
    den ich sich noch öfters
    anklicken werde!

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  4. natürlich muss es "sicher" heißen ...

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  5. Liebe Gisela,
    danke für die Erinnerung an diese Autorin.
    Ich kenne sie nicht, aber sie ist es sicher wert, in den Blickpunkt gerückt zu werden.
    Was manche Menschen so erleben müssen ...

    Die Herbstbilder von Niederrhein sind sehr schon - und ja, selten wird die Tiefe einer Jahreszeit heute noch bewusst wahrgenommen.

    Ich danke Dir auch herzlich für Deine lieben Worten bei mir.
    Ich komme so wenig zum Bloggen - habe viel zu werkeln ... aber das wird wieder.

    Derweil ganz, ganz liebe Grüße!
    Eine gute "Herbstwanderung"
    wünscht Dir Gisa

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  6. Liebe Gisela,
    die Autroin kenne ich diese Gedichte sind eine wahre Seelenquelle.. schön dass du sie vielen wieder in Erinnerungen bringst...
    die Rheingegend so geistreich ihre Bäume da stehen!!!!

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    Lieben Gruss Elke

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  7. Danke, für Eure Kommentare!

    Es gestaltet sich recht schwierig, ein Buch in autobiographischer Form zu schreiben. Um dem Sprachstil des Protagonisten gerecht zu werden, muss man sich zuvor in dessen Gedanken- und Sprachwelt hineinfühlen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Sprache noch recht schwülstig und schwer. Trotzdem liebe ich die blumigen Beschreibungen Henriette Breys. Ich habe fast alle ihre Bücher gelesen, bevor ich mich an den Roman wagte. Aber leider konnte ich in dieser autobiographisch klingenden Ich-Erzählung nicht immer die Tatsachen so darstellen, so wie sie wirklich gewesen sind. Doch ich glaube, dass wäre Henriette Brey auch nicht recht gewesen.

    Ganz liebe Grüße an Euch!

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  8. Liebe Gisela
    leider kenne ich die Autorin nicht!
    Das Gedicht ist wunderschön und die Fotos dazu sind einmalig toll!!!!
    Nun zur Jacke! Ich stricke den Ärmelausschnit 22 cm hoch und nach 20 cm mache ich den Halsaussschnitt!!!!!!!
    Bin sehr gespannt; so hab ich`s im Handarbeitsbuch gelesen und hoffe, ich muß nicht aufribbeln!?
    Ich wünsche Dir ein super tolles Wochenende!
    Bin immer dankbar für Anregungen und Tipps!
    Herzlichst Gisela

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  9. Liebe Gisela, wenn Du Fragen haben solltest, kannst Du mich jederzeit anschreiben. E-Mail-Adresse s. ganz unten.

    LG, Gisela

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  10. Ich bewundere solche riesigen alten Bäume - und mir bricht das Herz, wenn sie gefällt werden.
    Du zeigst ein ganz besonders schönes Exemplar!
    Aussergewöhnlich schön ...

    lg Karin

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  11. Liebe Gisela,
    vielen Dank für deinen immer wieder schönen, nachdenklichen und abwechslungsreichen Beiträge,
    besonders auch für die beiden stimmungsvollen Bilder vom Niederrhein, dieser flachen Landschaft, die ich so gar nicht kenne. Bei uns hat es Hügel oder Berge, viel Wald, aber nicht dieses offene Land. Da nimmt frau Bäume nochmals ganz anders wahr.
    Liebe Grüße
    Ingrid

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  12. Kopfweiden sind DIE Bäume des Niederrheins. Hier, in der Rheinaue, gibt es viele davon. Ich liebe diesen alten, knorrigen Stämme!

    Liebe Ingrid, wenn Du stets Wald und Bäume um Dich hast, bekommen letztere einen ganz anderen Stellenwert - wie Du schon geschrieben hast. Ich liebe den Blick ins flache Land, über dem die Wolken ganz tief und groß hängen, aber ich liebe auch den Blick auf die Berge und Wälder.

    Danke für Eure Kommentare und liebe Grüße zurück.

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