Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Sonntag, 3. Juli 2011

Sommerspaziergang

Foto: BirgitH - Pixelio.de
Sommerspaziergang
von Gisela Seidel

An einem Sommertag, der längst vergangen,
an dem ich einsam durch die stillen Wiesen schritt, vernahm
ich Laute hinter mir, die wie ein Wispern mit dem Winde flogen,
und jedes Mal, wenn ich die weite Stätte überblickte,
war außer meinem Schatten niemand dort,
kein Unbekannter, der mich schreckte, kreuzte meinen Weg.

Und als ich weiter ging, vorbei an bunten Auen,
da senkten dunkle Tannen ihre Zweige wie zum Gruße.
Ihr dunkles Grün verneigte sacht sich unter milden Winden,
und wie im Spiele tanzten die Libellen an den Teichen.
Da raunte mir ein Säuseln, wie aus fernen Welten, durch die Äste,
und wie ein leises Flüstern ging es hoch durch alle Wipfel.

Nun hielt ich inne, lauschte in die angenehme Stille,
benommen noch von all’ den süßen Blütendüften,
und um mich wob ein herrlicher Altweibersommer,
in dem die Spinnentiere lautlos ihre Netze spannten,
und eine süße Schwere lag schon auf den Reben,
die voll des edlen Saftes an den Stöcken hingen.

Foto: Erich Westendarp - Pixelio.de

 Die Welt lag wie ein großer, bunter Garten,
so weit, bis lichter Horizont das Blau des Himmels küsste,
und als das Sonnenglühn die Felder golden malte,
das glaubte ich erneut, den schnellen Schritt zu hören, hinter mir.
Doch wieder ging mein Blick zurück ins Leere.
Geheimnisvoll, das Blätterrauschen in den Sträuchern!

 Was war das für ein Flüstern in den Hecken?
Erst klang es fremd, dann rätselhaft vertraut.
Der Mais trug in der Sonne schwer an seinen Kolben;
wie goldne Meere wogten weite Ährenfelder mit dem Winde.
Die Drossel sang zum Abschied mir ein Lied vom Abend,
und üppig rankte Efeu an den alten Stämmen.

Foto: Gabi Schönemann - Pixelio.de
 Die schwere Luft vibrierte, heiß, mit Hitzeflimmern
und lauter wurden Flüstern und die Schritte.
Ein fernes Raunen drang wie dumpfes Donnergrollen, und
eine leise Ahnung kreuzte meinen Weg auf seiner Mitte.
Was folgte mir, verborgen, doch so gegenwärtig?!
Wird es in Schönheit mir erscheinen oder gar mit Grausen?

Saumselig ging ich durch die Auen an das Flüsschen,
vorbei an feuchten Ufern in das Abenddämmern.
Die ferne Glocke läutete zur Andacht wie in all den Jahren,
sie trug mir wohlbekannte Töne in die graue Stunde.
Und als die Stadt schon nah, da war der Tag verschwunden,
doch er, der Unsichtbare, folgte ihm mit eil’gen Schritten. –

Es war der Herbst! – Trug kühlen Abendwind in unser Städtchen
und trieb die ersten braunen Blätter auf die Wege.
Das satte Grün – schon bald wird es sich wandeln!
Und die Natur, sie wartet müd’, mit früchteschweren Zweigen.
So ist mit einem Mal der letzte Sommertag vergangen,
und ich ging nachdenklich dem Herbst entgegen.


Kommentare:

  1. Da könnte man doch gleich ins Bild steigen und davon gehen leider spielt das Wetter bei uns Verrückt der Sturm kann einem Angst machen Liebe Grüße und eine schöne Woche Karin

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  2. Liebe Gisela, ich habe es mit der Kinderseele nachvollzogen, so schön geschrieben, und immer sah ich mich am Feldrand sitzen, zeitlos, ohne Uhr am Arm, einfach so dasitzen und zuhören, wie es um ein herum still aber doch voller Leben ist,
    wann durfte so ein Moment in den letzten Jahren sein?
    ich kann mich kaum erinnern…….
    liebe Grüße von Jasmin

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  3. Dieser Spaziergang liegt bei mir auch schon lange Jahre zurück. Die Wegstrecke lief an der Ilm entlang, durch den Park in Weimar.

    Das wollte ich festhalten...auch, dass die Zeit vor einem selbst nicht halt macht. Der Herbst steht schon und wartet.

    Liebe Grüße zurück!

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  4. guten Morgen liebe Gisela,
    Deinen Sommerspaziergang habe ich mittlerweile ein paar Mal gelesen, und immer wieder habe ich in Deinen wunderbar verfassten Zeilen Neues entdecken können ... der Text verzaubert und fordert einen förmlich auf, sich einzulassen, mit Dir diesen Weg zu gehen ... ja, und manchmal hatte ich das Gefühl, vor Ort zu sein und zu hören und zu fühlen ... Deine Sprache, mit der Du das Gedicht formuliert hast, ist so bildhaft, man kann sich ihr gar nicht entziehen ... und gerade, während ich hier schreibe, höre ich durch die geöffnete Verandatur Vogelgezwitscher ... wie herrlich ist dieser Sommermorgen, ich genieße ihn, soweit es geht und freue mich am Moment ... dan den Herbst denke ich nun gerade noch nicht, obwohl mir natürlich schon bewusst ist, dass er bereits wartet ... aber das ist ja auch gut so, das ist der Lauf der Dinge ... danke für viele intensive Lesemomente hier bei Dir! sommerduftende Morgengrüße schickt die Rosabella ♥

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  5. Danke, liebe Rosabella! Ich freue mich sehr über Deine überaus bereichernde "Wegbegleitung".

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  6. Jetzt weiß ich ganz genau, was ich während meiner Blog-Abstinenz verpasst habe, solche Posts, Bilder, Geschichten, Ideen, Gedanken und deine neuesten Strickprojekte eine Augenweide.
    Herzlichst Anett

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