Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Vatertag

 
Mein Vater hat immer schon eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt - auch, wenn ich das erst spät eingesehen habe. Denn die Liebe, die der Vater nie gab, sucht man später bei anderen, ihm ähnlichen Männern. Ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Er war ein Despot, dessen Anordnungen alle befolgen mussten, selbst meine Mutter. Sie hat es einfach hingenommen und ist stets den Weg des geringsten Widerstands gegangen.

Anfangs, wenn man noch sehr verliebt ist, sieht man vieles nichts. Als meine Eltern 1950 heirateten, war meine Mutter 25 Jahre alt, mein Vater war erst 23.


Ich kam drei Jahre später zur Welt. Ein hässliches, plärrendes Mädchen, mit dem mein Vater nichts anzufangen wusste.

mit meiner Mutter (re) und ihren Eltern

 
hier mit Patentante und -onkel aus Köln
Mein Vater war handwerklich hochbegabt und mochte keinen Alkohol. Das habe ich von ihm geerbt. Er machte im Haus alles selbst, baute die tollsten Möbel und kümmerte sich - zum Leidwesen meiner Oma - nach ihrer Ansicht, zu viel um Haus und Hof.
"Der macht alles kaputt!", hörte ich sie manches Mal schimpfen. Sie schimpfte wie ich heute über den Nachbarn. Besonders, als mein Vater den riesigen Birnbaum im Hof ganz alleine fällte.

Mittlerweile hat das Schicksal meinen Vater ausgebremst. Nachdem meine Mutter verstorben war, verlor er langsam sein Augenlicht. Ich muss oft daran denken, wie pedantisch sauber und ordentlich er gewesen ist. Heute könnte er die strubbeligen Fransen am Teppich gar nicht mehr sehen, die ihn oft zur Rage gebracht hatten oder den Staub, an Stellen, die meine Mutter zu putzen übersehen hatte. Er musste die Kontrolle abgeben, an eine höhere Instanz. Seitdem ist er zwangsläufig ruhiger geworden.




Erinnerung!

Erinn’rung ist ein Fleckchen Himmelsblau
im öden, sonnenlosen Alltagsgrau,
ein Himmelsgruß aus froher Kinderzeit,
ein Wehmutshauch aus Tagen, reich an Leid,
die goldne Brücke zwischen einst und jetzt,
vom Muttergrab ein Blümlein, taubenetzt,
ein Nachklang aus der Liebe süßem Traum,
Ein stilles Eden, tief im Herzensraum,
ein heilig Zauberland, darinnen man
sich in Verlor’nes still versenken kann.
Erinn’rung schlingt ein Band um Herz und Geist,
wenn uns das Leben auseinander reißt.

aus dem Büchlein "Blumen am Wege" (1902) von Marie Paschke-Diergarten

Kommentare:

  1. hallo Gisela,
    als ich Deine Geschichte gelesen habe, mußte ich schmunzeln und mir ist, als ob Du über meinen Vater berichten würdest, so war es bei uns auch. Nur ein großer Unterschied gib es, ich war sein Liebling und ich habe ihn auch über alles geliebt. Er leitete eine Polizei Dienststelle, war also der Chef und das 48 Stunden, also auch zu Hause!!! Die ganze Familie mußte still gehorchen. Als Kind habe ich das alles nicht so wahrgenommen, das kam dann erst später. Meine Mutter starb früh, als ich 21 Jahre alt war und mein Vater folgte ihr 4 Jahre später.
    Gisela, ich bin überzeugt, dass Dich Dein Vater auch geliebt hat, er konnte es nur nicht so zeigen!
    Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag
    lieben Gruß Crissi

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  2. Conny, das Blindsein ist sehr schwer für meinen Vater. Er kann jetzt gar nichts mehr tun. Es ist ein Warten auf den Tod. Das ist schrecklich!

    Crissi, das ist der Unterschied: Ich war nie Papas Liebling, nur ein lästiges Mädchen, das er prügeln konnte, wann immer ihm danach war. Ein falsches Wort, ein falscher Blick und er schlug zu. Tränen hasste er, dann schlug er mit der Faust oder mit dem Gürtel, bis ich erstarrt war vor Angst. Bevor ich zu Hause auszog (mit 17 Jahren) brach er mir das Nasenbein. Er hat alles vergessen oder findet es heute noch richtig. Ich wäre damals bald in meinem Zimmer verblutet. War DAS seine Liebe? Danach bin ich von Zuhause weggelaufen. Ich liebe meinen Vater! Seine Krankheit hat auch etwas Gutes: Es sind heute kleine zärtliche Gesten zwischen uns, die es früher nie gab. Ich habe ihm vergeben - vergessen kann ich das nicht.

    Ich wünsche Euch einen schönen Sonnentag!

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  3. Ach Gisela, was ist in diesem Menschen nur vorgegangen, wenn er seine Tochter so behandelte??? Denk nicht so viel an die Vergangenheit, das macht Dich sicherlich nur traurig.
    Liebe Grüße schickt Dir Crissi

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  4. Liebe Gisela, es ist immer wieder schwer für mich in das Leben von dem was du hier sagst und fühlst rein zu verdenken, denn ich hatte es liebevoll.
    Es gibt immer wieder Gründe, wo es auf so ein erkaltendes Herz hinaus läuft, der mitgegebene Charakter, der Einfluß von außen, spielt eine ungeheuer große Rolle, viele Fragen?
    Aber was sagte denn die Mutter dazu, hat sie es nicht gemerkt, du bist ihr Kind, vielleicht wurdest du so sehr von Anderen geliebt, wo der Vater neidisch wurde, den er bekam immer weniger Gutes zuhören, es sind manchmal nur kleine Punkte wie Nadelspitzen, aber das jeden Tag.
    Natürlich ein Kind schlagen ist die größte Schwäche eines Menschen…
    Ich wünsche dir einen liebevollen Tag, mache es dir schön, dein Blumen hast du in Dankbarkeit um dich herum,
    liebe Grüße Jasmin

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  5. Liebe Jasmin, gestern funktionierte bei mir das Kommentieren nicht. Deshalb konnte ich nicht antworten.

    In meinem Elternhaus gab es keine Liebe für mich, nur Angst. Für meinen Vater war ich ein Blitzableiter. Warum, kann ich nicht sagen. Ich wurde zwar versorgt, musste mich aber allein beschäftigen. Meine Großeltern hatten mir da schon mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Möglicherweise hat mein Vater eine ganz andere in mir gesehen. (?)

    @carpe diem: Danke!

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