Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Freitag, 27. Mai 2011

Unschuld...

Die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt von Firmenzusammenbrüchen und Massenarbeitslosigkeit. Sogar Banken wurden geschlossen. Die Welt stand wirtschaftlich am Abgrund. Bei sechs Millionen Arbeitslosen nahmen Kriminalität und Armut sprunghaft zu.

Die Bevölkerung hungerte, war verzweifelt und suchte nach Auswegen. Oft wurde der Freitod als einziger Ausweg aus der existenziellen Not gewählt. Zum Überlebenskampf gehörten Heimarbeit, Hausieren und Tauschgeschäfte. In den Großstädten häuften sich die Unruhen und oft galt die Prostitution für viele Frauen als letzter Ausweg um zu überleben. Das Geld war nichts mehr wert und zu kaufen gab es sowieso nichts mehr. Überall dachte man, mit Hitler würde bestimmt alles besser werden. Er gab den Menschen wieder Hoffnung, und da, wo sich die allgemeine Fremdenfeindlichkeit des Ersten Weltkrieges tief in die leidgeprüften Gemüter eingeprägt hatte, drehten sich die Mühlen des Hasses schneller und schneller. 

Dann kam Hitler an die Macht. Alles Schwache sollte ausgelöscht werden. Hitler begann, die Jugend für sich zu formen und die Alten zu schleifen. Das NS-Regime richtete eigene Kindergärten ein, wo natürlich auch ein Morgengebet gesprochen wurde: "Händchen halten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken!", war beispielsweise eines davon. Fortan legte man Wert darauf, dass die militärische Ausbildung bereits bei den Kleinsten begann. Zweckdienliches Spielzeug waren Holzsäbel, Helme und Uniformen, woran vor allem die Jungen Freude hatte. Die Jugend bekam einen Lebenssinn, der sie den Erwachsenen ebenbürtig machte.

Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend wollte Hitler schaffen. Stark und schön sollte sie sein und vor allen Dingen athletisch. Die totale Erziehung sollte alle Kräfte des menschlichen Körpers und Geistes erwecken und zu hoher Leistung führen. Es sollte ein germanischer Weltgeist entstehen, der Deutsche ein Schöpfer, ein Gottmensch.

Auch mein Vater war zunächst bei der Hitlerjugend; meine Mutter beim Bund deutscher Mädels.

Mit 15 (!) Jahren kam mein Vater dann nach Dänemark. Dort sollte er eine Ausbildung zum Offizier machen, die er jedoch abbrach. Alle seine Kameraden wurden zur Ostfront abkommandiert. Keiner von ihnen ist zurückgekehrt. Mein Vater geriet nach seiner Rückkehr am Niederrhein in Gefangenschaft und wurde dort den Franzosen übergeben, wo er zwei Jahre verbringen musste. (vorne links)

 
Gefangenschaft in Bergerac/Südfrankreich
Im Anschluss arbeitete er dort noch zwei weitere Jahre in der Landwirtschaft. (links)

Arbeit in Frankreich
Als er nach Hause zurückkehrte, sprach er ein perfektes Französisch. Anfang der 60er Jahre sandte ihm sein damaliger Arbeitgeber eine nach Veilchen duftende Karte ins Haus, mit einer Einladung nach Bergerac. Mein Vater wollte davon nichts wissen und hat Frankreich nie wieder betreten. 

Mein Großvater, väterlicherseits (erste Reihe, links), diente im Zweiten Weltkrieg als Feldwebel. Ich habe ihn nie kennengelernt. Er fiel am 07.08.1944 bei Auray in Frankreich und wurde auf dem Friedhof in Pornichet begraben.

Viele Häuser in der Nachbarschaft meines Elternhauses waren ausgebombt. 


Ja, das war damals die bitterböse Wirklichkeit...und ist es in anderen Teilen der Welt leider auch heute noch. 


 Unschuld
 von Gisela Seidel


Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.

Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schreien nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.

Sehn eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.

Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Kommentare:

  1. liebe Gisela, oh ein unendlich trauriges Kapitel, das Foto deines Vaters, 15 Jahre alt, ein Kind…..
    und dieser Wahnsinn! Ein Verbrechen an der Menschheit, das Leid., der Tod eines Angehörigen gab es in jeder Familie.
    Der Bruder meiner Mutter ist aus Frankreich nicht wieder, zu seiner jungen Frau und den zwei kleinen Kindern, zurück gekommen.

    liebe Gisela, dein Gedicht!
    und es wiederholt sich jeden Tag auf dieser Welt.

    und wieder sterben Menschen für die Mächtigen im Land.... die Gewalt beginnt im Kopf....
    viele Grüße Jasmin

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  2. Liebe Jasmin, vielleicht kein Thema für den Blog? Für manche zu schwer? Ich höre sie sagen: "Lass mich damit in Ruhe! Ich kann es nicht mehr hören!"
    Ich sage: "Es geht auch mich an!" und es tut mir unendlich weh, wenn ich in das Leid dieser Welt hineinfühle.

    Danke, Jasmin und liebe Grüße zurück!

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  3. Hallo liebe Gisela,

    natürlich ist das ein schweres Thema.
    Es gehört zu unserer Geschichte, zur Weltgeschichte.
    Wie alle dunklen Geschichten die waren - und alle die noch kommen. Es war nie anders und wird nie anders sein!
    Die Menschen konnten noch nie in Frieden miteinander leben und werden es nie können.

    Warum ist das so? Diese Frage stellt sich wohl fast jeder.
    Man kann nur von großen Glück sprechen, wenn man (wie ich) solche furchtbaren Zeiten nicht selbst miterleben musste. Bis jetzt, aber wer weiß ...?

    Ich glaube auch, dass das Thema nicht so "Bloggeeignet" ist, nicht wegen - lass mich in Ruhe - sondern es ist vielleicht auch zu traurig.

    Deine Bilder übergeben sehr viele Emotionen!

    Liebe Grüße
    von mir
    Karin

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  4. Liebe Karin, das Leben besteht aus Freude und Leid. Niemals hast Du davon Eins allein.
    Es gibt keine Friede-Freude-Eierkuchen-Welt, und wenn ich Emotionen wecke, dann deutet das auf Geschehnisse hin, die unverarbeitet blieben und dann hochkommen. Gut, wenn das so ist! :o)

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