Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Samstag, 7. Mai 2011

Meine Mutter

Dieses Foto trug mein Vater jahrelang bei sich; Anfang Zwanzig war sie da.

Meine Mutter, Almuth Sidonie Nicolay, wurde 1925 in Duisburg geboren. Sie starb 1997 in schwer dementem Zustand an einer Lungenentzündung. Ich wusste zwar von ihrer Demenz, aber nichts von ihrem Tod. Der Kontakt zu meinen Eltern war jahrelang unterbrochen. Drei Monate bevor meine Mutter starb, hatte sie mich mit den Worten "Mach bloß dass Du wegkommst!", aus dem Haus gejagt, nur, weil ich mit ihr zum Arzt gehen wollte. Mein Vater, der dabei war, ist nicht eingeschritten. Ich bin gegangen, mit einem wehen Gefühl im Herzen und der einzigen Tröstung, dass sie nicht mehr klar im Kopf gewesen ist.

 
Ende Oktober des Jahres 1997 erkrankte mein Kater "Paulchen" ganz plötzlich. Er hat sich furchtbar gequält; bei jeder Berührung schrie er auf. Ich bin mit ihm in die Tierklinik gefahren. Dort sagte man mir, es hätte keinen Sinn mehr, er hätte Wasser in der Lunge und sein Herz wäre nicht in Ordnung. Daraufhin musste ich ihn einschläfern lassen. Noch nie zuvor habe ich um ein Tier so sehr geweint, wie um diesen Kater.

In der darauf folgenden Woche kaufte ich mir eine Tageszeitung, obwohl ich das nur ganz selten tue. Aber es war ein Drang in mir, es zu tun. Als ich die Zeitung aufschlug, traf es mich wie ein Blitz: Darin stand die Todesanzeige meiner Mutter, in stiller Trauer mein Vater und mein ältester Sohn. Niemand hatte mich benachrichtigt! Ich wusste ja noch nicht einmal etwas von ihrem Krankenhausaufenthalt. Woran sie gestorben war, erfuhr ich erst später: Wasser in der Lunge, eine Lungenentzündung, Herzschwäche.


Ich glaube an eine höhere Macht, die führt und begleitet. Mein Katerchen ist meiner Mutter vorausgegangen, da bin ich mir sicher. Für mich ist es ein Zeichen gewesen, vielleicht ein stilles Mitleiden, obwohl ich den eigentlichen Grund nicht kannte. Hoffentlich ruht sie in Frieden - meine Mami  - oder ist unterwegs auf neuen Wegen! 

Kommentare:

  1. das ist ein sher ans Herz ergriffende Beitrag von dir wie zwischen deiner Mutter und dir das Verhältnis war.
    Es ist so traurig dass es so enden musste und ich denke da hast du recht dass es ein Zeichen war mit der Katze und deiner Mutter.
    Schön dass du kein Greul hegst und sie wird ihren Weg gehen auch was es ist.. jeder bekommt eine 2 Chance denke ich mal.
    Die Musdik unterstreicht dein Gefühl was passiert ist.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag und Fotos dazu.Ich komme immer wieder gerne zu dir auf dienen Blog.
    Wünsch dir einen schönen Tag
    Liebe grüsse Elke

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  2. Oh je,das ist aber sehr traurig was mit dir und deiner Mutter war!Meine Mama ist 2008 gestorben und wir hatten ein herzliches Verhältnis!
    LG Sonja

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  3. Hallo Gisela,
    das sind ja sehr traurige Worte, die Du da geschrieben hast. Für mich ist es immer ganz schlimm, wenn ich mich von einem lieben Menschen nicht mehr verabschieden kann, bevor er mich für immer verlässt.
    LG und ein wunderschönes WE
    Crissi

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  4. Liebe Gisela,
    du musst das ganze Leben betrachten, das du zusammen mit deiner Mutter hattest und nicht bloß auf das Ende schauen. Vielleicht hatte deine Mama auch den Drang, dich zu schonen und von ihrem Ende auszuschließen. Demenzkranke Menschen sind manchmal auch klar und können ihre Situation einschätzen. Und ein Teil deiner Mutter lebt ja in dir weiter.
    Ich fühle mit dir
    Sinchen

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  5. liebe Gisela,
    was für ein trauriger Weg, nur wenn es dieses Altersdemenz betrifft, gibt es zu verzeihen, denn es läuft für diejenigen nicht in normalen Bahnen und sie wissen nicht, sie leiden auch selbst sehr und der Gegenüber ist machtlos, denn es läuft alles nach einem elenden traurigen Schema ab und der Mensch lebt in voller Veränderung und nicht wieder zuerkennen, es wird von Tag zu Tag immer weniger, ein ständiges Abschied nehmen. Irgendwann beginnt dieser Verlauf sehr klein, der Außenstehende bemerkt es wohl, nur der Kranke selbst will es nicht wahrhaben, er kann es nicht fühlen.

    Das mit der Katze, deine Gedanken sind gar nicht so verkehrt, es ist möglich, ich hatte mit meinem Hündchen Leopold so etwas ähnliches, aber in die andere Richtung, daß er erst gehen wird von dieser Welt, also sterben, wenn es mir gesundheitlich besser geht, und es ist so eingetroffen.

    Einen schönen Tag und liebe Grüße von Jasmin,
    schön die Fotos von der Mutter als junges Mädchen und später junge Frau, und von dir natürlich auch.

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  6. Danke für Eure tröstenden, einfühlsamen Worte. Leider lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Ich habe meine Mutter ein ganzes Leben lang vermisst. Wer auch immer mir ihr Sterben erspart hat, ich danke ihm dafür. Alles andere muss ich mit ihr allein ausmachen. Ich liebe sie trotz den oft unschönen Geschehnissen der Vergangenheit. Auch ich habe meinen Teil dazu beigetragen, und ich bin niemals in ihren Schuhen gegangen, musste demnach ihre Reaktionen hinnehmen, ohne sie verstehen zu können.

    Ohne meine Eltern wäre ich nicht so geworden, wie ich heute bin und dazu gehört auch ihr für mich negativ erscheinendes Tun.

    Morgen ist Muttertag - meine Gedanken sind bei ihr. Danke für Eure Kommentare!

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  7. Liebe Gisela,
    Das Leben geht Wege, wenn man sie in Büchern beschreibt, muten sie unrealistisch an, fast unwirklich, unmöglich, aber wie oft geht man nicht selbst solch einen Weg und wie oft fühlen die , die uns am nächsten sind (auch Tiere) wirklich uns berührt, darum kann ich mir eine Leben ohne Haustier auch nicht vorstellen, aber Mutter und Tochter ein Abschied im Streit, das wird man nie wieder los, das bleibt gant tief drinnen...weh tun.
    Herzlichst Anett

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  8. Vielleicht ist das Leben ja nur eine große Illusion? So lehren es die asiatischen Lehrer. Vielleicht ist Leben die Vorbereitung auf etwas viel Größeres, Schöneres?!

    Ein Leben ohne Haustier kann ich mir nicht vorstellen. Sie sind die kleinen Seelchen, die uns freundschaftlich beistehen dürfen. Wir müssen besonders lieb mit ihnen umgehen, weil sie von uns abhängig sind.

    Du hast Recht: Den Abschied im Streit werde ich nie wieder los. Vergessen kann man das nicht, nur vergeben. Danke, Anett!

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