Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Dienstag, 3. Mai 2011

Juchhuuuu, ich habe sie wieder...


das einzige Erbstück von meiner Oma. Ein Regulator der Firma Kienzle aus den 20er Jahren. Einmal von mir zu weit aufgezogen und die Feder war gerissen. Die Reparatur war richtig teuer und gar nicht so einfach, weil es hier fast gar keine Uhrmacher mehr gibt. Wieder ein Beruf der ausstirbt. 

Zu dieser Uhr hatte allein meine Oma die "Schlüsselgewalt". Nur sie durfte sie aufziehen. Jetzt weiß ich warum. Oft habe ich als Kind davor gestanden und wollte doch nur ein Mal den großen Schlüssel herumdrehen. Keine Chance! 


Um diese Uhr gibt es Geschichten. Allesamt gruselig, denn als Kind träumte ich oft von ihr. Wie sich plötzlich ganz langsam die Türe öffnete und unzählige schwarze Vögel heraus flogen. Als ich noch klein war, war mir die Uhr geradezu unheimlich. Ganz besonders wenn sie stehen blieb. Dann war es mir so, als blieb ein Herz stehen oder ein Leben erlosch, gerade in dem Moment, wenn das Pendel stillstand. 

Fast drei Jahre ist es her, als die Ziehfeder riss. Drei Jahre stand die Uhr still. Es war mir wie ein Zeichen, denn auch meine Lebensuhr machte einen dramatischen Aussetzer. Ich zog mich weitestgehend von der Welt zurück, ging wegen eines großen Herzeleids in Klausur, las viele theologische Bücher und Schriften, bis ich merkte, dass der Sinn des Lebens nicht in Büchern steht, sondern Bewusstwerdung ist, bis zur höchsten Vollendung. Für mich bedeutet ein religiöses Leben führen kein Kirchgang oder die Zugehörigkeit in einer Religionsgemeinschaft, sondern geistige Arbeit an mir selbst. 

Und dabei vergehen mitunter Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre und die Zeit scheint stillzustehen. Wie meine alte Uhr. Deshalb musste ich sie reparieren lassen. Jetzt war die Zeit dazu gekommen! Kein Stillstand mehr - denn alles, was still steht ist starr und zerbricht irgendwann. Man muss immer weitergehen - mit viel Gottvertrauen und Zuversicht!

 
Zeitgeist
von Gisela Seidel

Die Zeit vergeht;
so zäh wälzt sie sich oftmals,
wie ein Lavastrom
und so behäbig,
manchmal scheint’s,
sie ist nur Illusion.
 Durch die Epochen
kommt sie gekrochen,
doch halten kann man sie nie,
und irgendwann wird sie vergehen,
mit ihr das Zeitgeschehen,
und eine neue Zeit
sie folgt der alten,
so wie ein endlos Band
geknüpft an die Gewalten
der vergang’nen Zeiten,
steht sie in dunklem Kleid
und hast du sie erkannt,
wird sie dir sanft entgleiten.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Gisela,

    da bekomme ich ja Gänsehaut, wenn ich deine Geschichte lese ...
    Ich finde es richtig und gut - wie du das deutest.
    Übrigens eine sehr schöne alte Uhr!

    Viele liebe Grüße
    Karin

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  2. Liebe Karin,
    die Erinnerung an meine Oma macht diese Uhr so wertvoll. Sonst hätte ich sie gar nicht reparieren lassen.

    Ich glaube, es gibt in jedem Menschenleben Phasen der Klausur, doch es kostet Kraft wieder die Türen zu öffnen.

    Liebe Grüße an Dich!

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  3. Liebe Gisela
    Deine Geschichte hat mich sehr berührt, weil sie sich in vielem mit meinen Erfahrungen deckt.
    Das Gedicht über die Zeit ist wunderschön!

    Ich wünsche Dir einen schönen Tag und schicke Dir liebe Grüsse
    Margrith

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  4. ach liebes Giselchen, wieder und immer sind es die alten lieben Erinnerungen, der Regulator, vor allem das Aufziehen erinnert mich an meine alte Drehspieldose zur Weihnachtszeit, das Bäumchen dreht sich mit Musik, da wollte ich als Kind so gern mit dem Schüssel viele Drehungen machen, aber das durfte ich nicht, ja die kostbare Feder…
    auch denke ich, es ist meine Wohnzimmerwand mit den ovalen Bildern!
    Das schöne Foto mit der Großmutter, deine gefühlte Erinnerung der letzten Jahre, das Gedicht der Zeitgeist,
    und alles rollt vorbei „das Geld und die Welt und die Zeiten, und Glauben Lieb und Treu“….
    einen frohen lieben Tag, Grüße von Jasmin

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  5. Liebe Marguerite, liebe Jasmin,
    ein jeder Mensch hat seine ganz eigenen Geschichten, die das Leben schrieb. Manche Erfahrungen haben die gleiche "Klangfarbe", und deshalb kann man sie sofort nachempfinden. Dann wird tief innen die Seele berührt.

    Jasmin, die Musik zu Deinem Link kann ich leider erst nachmittags hören. Auch hier scheinen wir den gleichen Geschmack zu haben. Ich liebe Esther Ofarim sehr. Danke, Euch beiden. Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

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  6. ach die sieht aus wie die von meiner Oma.. ja die Omas hatten es .. ich durfte auch nicht aufziehen. Ich hörte sie immer ticken und schlagen im Nebenzimmer beim Schlafen.
    Sie war später auch kaputt gegangen und ich fands schade als Erwachsene dass sie nicht mehr gemacht wurde. Was jetzt draus geworden ist weis ich nicht. Da sie verstorben ist...
    ein Erlebnisreiche Geschichte zu der Uhr udn dieses schöne Gedicht dazu.
    Es freut mich dass du sie wieder zum ticken gebracht hast.

    Liebe Grüsse Elke

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  7. Liebe Elke, ja, ich freue mich auch! Sie "lebt" wieder und das Westminster-Schlagwerk ist unüberhörbar. Ich hüte dieses Andenken wie einen Schatz. Schade, dass Du die Uhr von Deiner Oma nicht erhalten konntest.

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