Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Montag, 2. Mai 2011

Heute war kein schöner Tag...

 
und ich bin sehr müde, weil ich bereits seit 4 Uhr auf bin. Monatsabschluss im Büro! Jetzt sitze ich hier und friere. Nicht nur außen, sondern auch innerlich. Bald steht ein Abschied für immer an. 

Mein Vater ist 83 Jahre alt. Nachdem meine Mutter gestorben war, hat er zum zweiten Mal geheiratet. Seine Frau ist im gleichen Alter. Mein Vater ist erblindet und baut seitdem auch körperlich ab. Es ist erschreckend: 54 kg wiegt er nur noch. Nach einer OP an Blase und Nieren, aufgrund einer Krebsdiagnose, ist sein Lebensüberdruss noch größer geworden. In drei Wochen steht die nächste OP an. Dann braucht er erst einmal Zeit, um sich zu erholen. Aber will er das überhaupt noch? Er sagt, dass er bald sterben wird; es sei Zeit.

Loslassen ist nicht leicht! Ich liebe meinen Vater, obwohl er für mich als Kind eher dem "bösen Friederich" aus dem "Struwwelpeter" glich, vor dem ich immer Angst hatte.


Morgen werde ich ihn besuchen! Früher habe ich einen großen Bogen um ihn gemacht, weil er die Angewohnheit hatte, ganz unvermittelt zuzuschlagen. Mein Anblick machte ihn wütend, weil ich ihn an seine Schwiegermutter erinnerte, die er nicht leiden konnte. Er war ein Choleriker, sehr jähzornig, das war sein Naturell. Noch heute findet er es ganz "normal", wenn Kinder mit Prügel gezüchtigt werden. Ich habe ihm vergeben! Vergessen werde ich es nie. 


Vor drei Jahren habe ich ihn verblüfft, weil ich ihn einfach in den Arm genommen hatte und ihm sagte, dass ich ihn liebe. Er wusste gar nicht wie ihm geschah. So etwas wäre niemals über seine Lippen gekommen. Niemand kann über seinen Schatten springen! Seitdem freut er sich, wenn ich ihn besuche. Dann lächelt er und umarmt mich sogar. Ich freue mich, dass ich ihm meine liebevollen Gefühle mit auf den letzten Weg geben kann. Schließlich ist er mein Papi... der die tollsten Torten backen konnte.

Kommentare:

  1. Deine Gedanken sind berührend und bewegend, liebe Gisela. Du wirst es gut machen, von deiner Seite aus, diesen Abschied, denn du hast das wichtigste getan, was du tun konntest: Frieden gemacht.
    Meine tiefe Bewunderung gilt dir und bestätigt das, was so schwer ist: Vergebung macht frei.
    Trotzdem wirst du Kraft brauchen - und die wünsche ich dir.
    Herzlichst
    Ingrid

    AntwortenLöschen
  2. liebe Gisela, es ist deine Erinnerung an deinen Vater, ich habe es bewegt gelesen, auch ging mir mancher Gedanke durch den Kopf, man weiß immer nicht, wie des Vaters Kindheit verlaufen ist, welcher Geburtsstern noch dazu kommt, welche Zusammenhänge auch immer eine Role spielen, aber traurig für dich ist es schon immer aus der Erinnerung heraus, ich kenne wirklich nur eine liebe Mutter und einen lieben Vater, wobei ich mich an Onkels erinnere, die ich nicht in mein Herz eingeschlossen hatte, ich hatte sogar Angst, denn es kam nie ein liebes freundliches Lächeln oder Wort, und als kleines Kind fühlst du das sehr und man vergießt nicht,
    aber so schöne Fotos beim Kuchenbacken und auf dem Fahrrad.
    Ein langes Leiden und Sorge jetzt, es ist nicht leicht für dich, auch schmerzlich,
    du schaffst es!
    ja, ist doch eigenartig, daß wir dem Vater und der Mutter gedenken, ja du hast recht, Seelenverwand...

    liebe Grüße Jasmin

    AntwortenLöschen
  3. Gisela ich weiß jetzt auch gar nicht so recht was ich Dir schreiben soll, bzw. wie ich Dich ein bißchen trösten kann! Dein Beitrag hat mich sehr berührt und das nicht loslassen können oder wollen kenne ich auch!
    Ich wünsche Dir auch viel Kraft für die nächste Zeit!!!!!
    LG Petra

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Gisela,
    Du beeindruckst mich.


    LG von Juliane

    AntwortenLöschen
  5. Danke, Ihr Lieben, für Eure tröstenden Worte und guten Wünsche!

    AntwortenLöschen
  6. Vergeben ist schwierig. Also das konsequente Vergeben und nicht "im Geheimen noch nachtragen"... es ist schön, dass es dir gelungen ist und durch das Durchbrechen der schwierigen Situation mit der Umarmung einen neuen Weg zu beschreiten. Es gibt ihm sicher auch Frieden, sich geliebt zu wissen.
    Die Fotos von dir und deinem Papa sind einfach was Besonderes. Es ist schön, dass du sie hier am Blog teilst. Alles Liebe. maria

    AntwortenLöschen
  7. Bedingungslos lieben ist nicht leicht, denn das bedeutet jemanden zu lieben wie er ist, mit all seinen Fehlern. Reaktionen, die Ursache dieser Fehler sind, wird man freilich weder verstehen, noch gutheißen können.

    Mein Vater war selbst ein ungeliebtes Kind und kam mit 16 Jahren in französische Kriegsgefangenschaft. Erst Anfang 20 durfte er nach Hause. Seine verlorene Jugend hat ihn sehr hart gemacht.

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Gisela,
    Wie berühren mich deine Worte, wie viel lässt sich zwischen den Zeilen lesen, leider habe ich immer deine Posts verpasst, da ich dich nicht in meine Blogrol bekam, nun hat es hoffentlich geklappt.
    Man weiß erst im Nachhinein, als erwachsende Frau, was eine glückliche Kindheit Wert ist, aber auch eine weniger glückliche formt und prägt und das nicht immer im nagativen Sinne.
    Ganz liebe Grüße Anett

    AntwortenLöschen