Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Sonntag, 8. Mai 2011

Ein Traum

 
Ferner Kindertage längst entfloh'nes Glück,
brachte jüngst ein Traum mir märchenhaft zurück,
helles Kinderlachen drang mir traut an's Ohr
und ich sah die Mutter, die ich längst verlor.

In dem Elternstübchen zu der Dämmerstund’
lauscht’ ich süßen Worten von der Mutter Mund,
saß zu ihren Füßen auf der kleinen Bank,
bis auf Mutters Schooße ich zum Schlummer sank. 


Ja, ich hörte wieder jenes Nachtgebet,
das ein Mutterherze für den Liebling fleht,
mit gefalt’nen Händen küsst sie innig mich
und dann sprach sie leise: „Gott beschütze dich!“ –

Einen Blick voll Liebe warf sie noch zurück
und mit diesem schwand auch mein erträumtes Glück,
einsam war’s Erwachen, öd und liebeleer,
von dem süßen Traume nichts mein eigen mehr. 

Grünbemooste Hügel grüßen aus der Fern'
und durch Trauerweiden blinkt der Abendstern,
auf der Sehnsucht Schwingen eilt mein Geist hinaus,
tot sind Glück und Liebe, - leer mein Vaterhaus! 

aus dem Büchlein "Herbststürme" (1897) von Marie Diergarten


Kommentare:

  1. liebe Gisela, ja manchmal möchte man loslassen, selbst die schönen Erinnerungen lassen traurig werden, wenn ich an meinem Haus, wo ich die Kindheit und Jugend verbrachte, und die war schön gewesen, vorbei fahre, werde ich sehr sehr traurig und möchte manchmal gar nicht hinsehen!

    Ich denke, wenn ich dich mit deiner Mutter sehe, du warst sehr klein, gab es auch gute Zeiten? Waren es Jahre später die eine traurige Zeit bei dir hinter ließen!
    das erste Bild mit Blumensträußchen, ist sehr schön, wie oft, oder vielleicht brachten wir bei jedem Spaziergang Blumen mit nach Hause,
    auch das mache ich heute noch…
    es waren früher viele Spaziergänge die wir gelaufen sind, hin und zurück, nicht nur schnell irgendwo hin gefahren.
    Ja, es gab auch eine gewisse Dämmerstunde, wo man einfach still im Stübchen saß, ohne Licht und Spektakel…

    und alles rollt still und leise dahin…

    dir einen schönen Tag, die Sonne meint es gut
    liebe Grüße Jasmin

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  2. Liebe Jasmin, wir scheinen in gewisser Hinsicht Leidensgenossinnen zu sein. Mein Vater hat mein Elternhaus vor vier Jahren an ein junges Pärchen verkauft. Sie haben es liebevoll saniert. Manchmal fahre ich dort vorbei und freue mich dann über die Blumenkästen, die neue, restaurierte Haustüre und die stilvolle Lampe am Eingang. Sie mögen das Haus - mir wäre es mehr eine Last gewesen, dort zu wohnen, mit all den schmerzlichen Erinnerungen. Außerdem will ich keinen Besitz, denn Besitz macht unfrei, und ich liebe meine Freiheit über alles.

    Ja, es gab auch gute Zeiten, bis zu meinem 5. Lebensjahr. Denn danach kam mein Bruder zur Welt, und ich war für meine Eltern nur noch "das unnütze Ding". Dann wurden meine Großeltern (das Haus gehörte ihnen) meine engsten Bezugspersonen und mein Vater zu meinem Angstfaktor.

    Die "blaue Stunde" hat Oma täglich genossen. Ohne Licht und Spektakel - wie Du schreibst.

    Dir auch einen schönen Tag! Die Sonne wird uns gut tun. :o)

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  3. Liebe Gisela,
    durch Zufall stieß ich auf Deinen Blog - ich blieb hängen und las von Beginn an !
    So vieles kam mir recht bekannt vor - auch "das unnütze Ding" - meine Mutter,sie lebt noch (84 Jahre)hat mich aus ihrem Leben gestrichen - ich habe Hausverbot - warum auch immer.
    In der Familie,die recht winzig ist schüttelt jeder über ihr Verhalten den Kopf.
    Es hat mich viele Jahre und viel Kraft gekostet zu akzeptieren daß es so ist - seit ich dies getan habe geht es mir gut - ein Panzer ist aufgesprungen !
    Zurückblickend fällt mir kaum ein Moment im Leben ein wo ich eine Mutter hatte - das allerdings macht mich traurig.
    Ich vermute bei ihrem Ableben wird es mir ebenso wie Dir ergehen.
    Wie sich doch Lebensgeschichten ähneln können.
    Ganz lieben Dank an Dich für Deinen wunderschönen Blog und die viele Zeit die Du in ihn steckst !
    LG
    Karola

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  4. Liebe Karola, wie ähnlich die Schicksale doch manchmal sind. Jeder trägt sein Päckchen, aber ich glaube, dass wir nur so viel aufgebürdet bekommen, wie wir (er-)tragen können. Oft erfährt man erst nach vielen Jahren, wofür manche Dinge gut waren. Auch, wenn etwas genommen wird, kann das durchaus positiv sein. Wir können das nicht immer erkennen.

    Kannst Du keinen Frieden mit Deiner Mutter machen, indem Du zu ihr gehst und ihr die Hand reichst? Das würde Dich sehr wahrscheinlich viel Überwindung kosten. Man muss dann über sich hinaus wachsen. Wer weiß, ob Deine Mutter nicht irgendjemanden in Dir sieht, den sie vergessen will. Dann lass ihr den Rückzug und das Schweigen. Ohne Mutter ist es sehr einsam. Sind wir denn nicht mehr, als Fleisch von ihr? Sind nicht ganz eigene Seelen in uns, völlig losgelöst von den Erzeugern?!

    Wir haben unseren Weg zu gehen...und wenn Du genau hinschaust, ist JEDER Mensch auf diesem Weg allein. Wir schaffen das!

    Alles Liebe Dir und danke für den Kommentar!

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  5. Liebe Gisela,
    danke für Deine lieben Worte.
    In Gedanken habe ich meiner Mutter die Hand gereicht - in Wirklichkeit ist es nicht möglich.
    Nein,es würde mich keinerlei Überwindung kosten,der springende Punkt ist daß SIE die Tür nicht öffnet !!!
    Post kommt ungeöffnet an mich zurück,sie ließ sich schon vor vielen Jahren eine sogenannte Geheimnummer geben damit ich sie auch ja nicht anrufen kann ,usw.
    Es ist eine sehr lange Geschicht - mit dem Satz,daß sie in mir jemanden sieht den sie vergessen will,hast Du recht.
    Das was geschah will Sie vergessen - nur das ICH dafür nichts kann will in ihren Kopf nicht rein.
    Ich habe innerlich mit ihr abgeschlossen.
    Dazu mußte ich mir aber trotz meines eigenen Psychologiestudiums professionelle Hilfe holen.
    Man kann zwar anderen in diesen Situationen ein Werkzeug an die Hand geben - aber sich selbst nur schwer aus einem Sumpf ziehen.
    Dazu bedurfte es das eine vom anderen zu trennen.
    Wichtig war für mich meine Schuldgefühle abzulegen.
    Ich konnte mein Selbstbewußtsein zurück erlangen.
    Nicht mehr das "kleine Mädchen" welches ständig vor der Mutter kuscht - nein,die Frau die auf eigenen Beinen steht.
    Ja,wir schaffen es,dessen bin ich mir auch gewiß !
    Auch für Dich alles erdenklich Liebe.

    Karola

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  6. Ich glaube, dass es nicht möglich ist, das Mutter-Thema abzuschließen zu können.
    Egal, ob es negative oder positive Erfahrungen waren – sie ver-binden untrennbar mit ihr. Du schreibst, Du hättest innerlich mit dem Thema abgeschlossen. Ich weiß, dass das bei mir nicht funktioniert. Noch in den letzten Sekunden meines Lebens werde ich an meine Mutter denken, und vielleicht wird sie dann auf der „anderen Seite“ auf mich warten.

    Ich hoffe, ich lese irgendwann wieder von Dir.

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  7. Liebe Gisela,

    ich bewundere dich ja dafür, dass du immer auch etwas Gutes sehen kannst und willst, oder es zumindest versuchst!
    Ich bin dazu nicht in der Lage.
    Allerdings habe ich bis jetzt auch kein Bedürfnis dazu, man weiß ja nicht wie - oder ob man sich verändert.

    Du hast aber viele Bilder aus deinen Kindertagen. Ich habe nur ein paar Bilder von mir, ich glaube auch nicht, dass mehr existieren.
    Du warst deinen Eltern schon wichtig, sonst gäbe es bestimmt nicht soviele Bilder, denke ich.

    Ich grüße dich lieb
    Karin

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  8. Liebe Karin, viele Fotos habe ich gerettet, als mein Vater sie wegwerfen wollte. Ja, da magst Du Recht haben: Bis zu dem Zeitpunkt, als der Stammhalter auf der Welt war, war ich - zumindest meiner Mutter - wichtig. Danach gibt es nur noch wenige Fotos.

    Für mich ist es ein Grundbedürfnis, mit allem in Harmonie zu leben. Auch IN mir muss es so sein. Ich suche noch im bösesten Menschen nach dem Guten...und nicht alles, was gut auszusehen scheint, ist es tatsächlich.

    Lieben Gruß an Dich!

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  9. Liebe Gisela,

    sicher,das wird bei jedem Menschen anders sein - das abschließen.
    Auch wenn man mit "etwas abschließt" kann man "verbunden" sein.

    Möchtest Du denn daß Deine Mutter auf Dich wartet - möchtest Du ihr dort auf der anderen Seite noch etwas sagen ?

    Versuche doch mal ihr einen Brief zu schreiben - alles was Du auf dem Herzen hast und ihr niemals sagen konntest schreibst Du dort nieder.
    Du klebst diesen Brief zu.
    Du legst ihn beiseite.
    Nach einer gewissen Zeit vernichtest Du ihn - und damit auch die Gedanken.

    Wäre es einen Versuch wert ?

    Einen schönen Tag für Dich,lasse die Sonne in Dein Herz hinein......,

    ich sende Dir einen lieben Gruß,

    Karola

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  10. Liebe Karola, wenn man mit jemandem abschließt, denn macht man im wahrsten Sinne des Wortes "zu". D. h., dass man das, was abgeschlossen ist, auch jederzeit wieder öffnen könnte, wenn man es will.

    Ich habe ein ganzes Leben lang um meine Eltern getrauert, weil sie für mich als Familie nicht da waren. Den Tod meiner Mutter konnte ich nicht betrauern. Da waren keine Tränen mehr. Das, was ich hier und jetzt leiste, ist meine Trauerarbeit. Ihr Geist ist vielleicht manchmal noch bei mir, besonders, wenn ich intensiv an sie denke, aber für jede Menschenseele, die "drüben" ankommt, gilt es zunächst, Lebensfehler aufzuarbeiten. Ich wünsche jedem Menschen eine leichte Aufarbeitung und einen schnellen Übergang in eine lichtvolle Ebene. Ganz besonders natürlich meiner Mutter und meiner Familie.

    Haben wir uns unsere Eltern ausgesucht oder hat eine höhere Macht das getan, damit unsere Seele daran wächst? Niemand weiß das so genau. Gewiss hätte ich meiner Mutter noch viel zu sagen. Aber ich denke, dass es keiner Worte mehr bedarf, wenn wir wieder vereint sind. Alles wird dann gut sein, und wir können neu anfangen. Nicht zusammen, aber neu.

    Das, mit dem Brief, klingt nach einem Ablösungsritual. Ich habe schon sehr viel in ein Buch geschrieben, nur für mich. Die Gedanken vernichten. (?) Ich glaube, dass ich das nicht brauche, weil ich keinen Groll gegen meine Mutter hege. Aber nachdenken werde ich darüber.

    Danke für Deinen Ratschlag! Ich sende Dir sonnige Grüße zurück.

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  11. Es ist wirklich erstaunlich, wie verschieden Menschen denken.
    Ich dachte, ich hätte einen "weichen Kern" ... aber wenn ich deine Anmerkungen und die deiner Leser verfolge, dann - anscheinend nicht.

    Du weißt, dass ich auch kein (bestes) Verhältnis zu meiner Blutsverwandschaft habe, aber mich belastet das keine Sekunde.
    Ich wünsche es nicht anders, denn nur so finde ich meine eigene Ruhe.
    Wenn ich spüre, dass mich jemand ablehnt (wozu ja jeder auch das Recht hat, das Gleiche nehme ich mir ja auch für mich heraus) dann gibt es da halt nichts, was einen verbindet. Ich finde, dass man das nicht erzwingen kann und auch nicht soll. Manchmal entscheidet sich so eine Nicht-Verbindung vielleicht auch erst nach vielen Jahren ... wie bei Mutter und Kind.

    Nach dem Mehrheitsprinzip ist meine Meinung natürlich falsch, vielleicht auch nach dem ethischem Empfinden, wobei ich niemals das Band zu meinen Kindern lösen könnte, oder möchte!
    Und von ganzen Herzen wünsche ich es mir auch umgekehrt.
    Vielleicht denke ich auch so, weil ich mit meinen Kindern MEINE Familie gefunden habe und niemanden anderen brauche.
    Es geht mir um die innere Verbindung, nicht darum, dass meine Kinder ständig um mich herum sein müssten ... nein, bin keine Gluckenmutter ;-)
    Und diese innere Verbindung kenne ich erst, seit ich Kinder habe, ich hatte bei meinen Eltern niemals dieses Gefühl, deswegen vermisse ich es auch nicht und möchte es auch nie suchen.

    Ich finde es sehr interessant, die Anmerkungen zu diesem Thema zu lesen, auch weil ich weiß, dass kaum jemand so denkt, wie ich.
    Es mag sich "hart" anhören, aber trotzdem habe ich viel Herz. Halt in anderer Weise ...

    Schöne liebe Grüße
    von Karin

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  12. Liebe Karin, wir kennen uns virtuell nun schon etwas länger, und ich kann sagen, dass Du sehr wohl eine gute, herzliche Seele bist.

    Blutsverwandt sein, bedeutet noch lange nicht, dass man auch seelenverwandt ist. Ich habe ja mit meinem ältesten Sohn ein ähnliches Verhältnis, wie Du zu Deinen Eltern. Ich und mein Sohn sind in keinster Weise kompatibel - zwei völlig fremde Seelenmuster. Da gibt es keine Nähe, und ich habe mir oft genug deshalb Vorwürfe gemacht. Nun tue ich das nicht mehr. Ich war halt die Auf-die-Welt-Bringerin, nicht mehr.

    Das ist genauso mit den Großeltern. Die Seite meiner Mutter ist mir sehr seelenverwandt und nah; bei der Seite des Vaters ist es genau das Gegenteil.

    Mach Dir also keinen Kopf! Deine ganz eigenen Empfindungen sind nicht "hart", sondern nimm sie als für Dich gut und richtig hin.

    Ganz liebe Grüße!

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