Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Dienstag, 24. Mai 2011

Die Rhön ist schön...

Ich hatte heute nach alten Fotos gesucht, die in der Rhön gemacht worden sind. Einige wenige habe ich gefunden.
Also gibt es zu den vielen Erinnerungen in meinem Kopf nichts, das ich zeigen könnte. Damals habe ich als kleines Mädchen viel gelernt, zum Beispiel, wie man Schweine füttert. Täglich wurden große Töpfe mit Kartoffeln gekocht, gestampft, mit Kleie vermengt und in die Tröge gefüllt. Die Schweine fraßen alles und wenn man als kleines Kind nicht aufpasste, landete man womöglich im Trog und wurde auch gefressen. Damit schockte mich meine Mutter, und weil ich immer noch manchmal ins Bett machte, sperrte sie mich zur Strafe in den Schweinestall. Alles Weinen, Schreien und Bitten half nichts. Über eine Stunde musste ich dort bleiben. Starr vor Schreck und voller Angst sah ich mich bereits in den gierigen Mäulern der grunzenden, quiekenden Schweine.

Auf dem Land war alles anders. Die Enkeltochter des Bauern, bei dem wir untergebracht waren (in der Gasse, beim Bürgermeister), saß meist mit einer übel laufenden Rotznase am Mittagstisch, was meinen Eltern den Appetit mächtig verderben konnte. Was ich heute durchaus verstehen kann.

Alles wurde selbst hergestellt: Wurst, Käse, Brot und Schinken. Auf dem Dachboden hingen die Würste und lagerte das Korn. Das ging nicht ohne Blutvergießen vonstatten. Die Schlachterei bekam ich nur am Rande mit, wenn ich mithelfen musste, ein Huhn zu rupfen oder wenn das Streichelkälbchen zum Schlachthaus gebracht wurde, weil es ein Stier war. Das konnte ich damals noch nicht verstehen. Dann flossen Tränen.

Holz wurde mit dem Trecker aus dem nahen Wald geholt, und auch das frühe Aufstehen machte keine Mühe, denn ich durfte mit den Kindern die Kühe auf die Weide treiben. Im Herbst wurde das Heu geschichtet und die Rüben geerntet. Das war zwar viel Arbeit, aber es gab hinterher nichts Schöneres, als oben auf dem Heuwagen zu sitzen. 
Ich entwickelte mich zur begeisterten Blumenpflückerin und liebte es, durch die Felder und Wiesen zu laufen. 
Manchmal musste ich auch zum Pipimachen ins Gras, was meine Mutter auf diesem Bild festgehalten hat:

Als die Fotos gemacht wurden, war ich ca. drei Jahre alt. Immer wieder zog es mich auch in späteren Jahren nach Habel. Hier, in der Mitte, ca. 8 Jahre alt, mit den Töchtern meiner Gastfamilie: 

Die Kirche in Habel.
Habel bei Tann/Rhön

Kommentare:

  1. Liebe Gisela,
    es ist so interessant von Dir zu lesen.

    Vieles kenne ich auch, da meine Großeltern ein klitzkleines Gut auf dem Dorf hatten, wir selber aber wohnten in der Stadt.

    Dennoch - das Schlachten ist mir auch noch in Erinnerung geblieben - und die Angst vor den grunzenden Schweinen. Ich hatte auch Angst vor den Hühnern!!!

    Meine Güte, Du Arme!
    Da hat Dir Deine Mama ja was weis gemacht, gell?
    Aber so war das früher, da dachte man selten nach, was DAS mit einem Kind macht.
    Ging mir ähnlich, obwohl meine Eltern es immer gut mit mir meinten und mich liebten.

    Die Bilder sind ja eine Augenweide - besonders dieser weite Blick in die Rhön.
    Da ich ein DDR-Kind bin, kenne ich das ja alles gar nicht so richtig.
    Aber dieser Blick ist wirklich faszinierend.

    Bin auf Weiteres gespannt! :-)
    Herzliche Grüße aus Sachsen schickt Dir Gisa.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Gisa, ich habe mich auch in späteren Jahren stets vor den Gänsen gefürchtet, die frei im Dorf herumliefen. Der Ganter war immer angriffslustig, und ich bin, so schnell ich konnte, weggelaufen.
    Ich erinnere mich an das Schild "Halt, Zonengrenze", das oben auf dem Berg stand. Bis dorthin durften wir Kinder laufen. Ich habe nicht verstanden, dass das Weitergehen verboten war.

    Schön, wenn man Erinnerungen teilen kann. Ich sende Dir herzliche Grüße nach Sachsen!

    AntwortenLöschen
  3. liebe Gisela, erst einmal so schöne Fotos von dir aus der Kindheit, das Bild auf der Wiese mit Sträußchen…
    das gefällt mir besonders gut,
    genau oder so ähnlich habe ich die Ferien auf dem Bauernhof auch erlebt, die Schweine füttern, die gedämpften Kartoffel mit der Kleie rieche ich heute noch !!!
    das Einsperren war natürlich für das voran gegangene Geschehen, genau die falsche Erziehung,
    ich hatte einmal die Quarkkäulchen (traditionelles Essen in der Dresdner Gegend) bei meiner Großmuttel nicht essen wollen, sie schloß die Tür im anderen Zimmer, und sie ließ mich allein, vollkommen daneben dies Art, und ich habe dann auf ihren Teppich eine kleine Pfütze gemacht, ich kann es nicht vergessen es war schlimm…
    Wenn die Kuh ein Kälbchen bekam wurde ich vom Hof geschickt,
    die Kühe austreiben war für mich das Schönste, wie klein und zart man neben den großen Tieren dahin lief und keine Angst hatte, und auch mit einem Leiterwagen, zwischen den Sprossen sitzend , die Beine baumelten, auf das Feld fuhr da wurden noch richtige Puppen von dem Getreide aufgestellt und man konnte sich darin verstecken….
    aber jetzt höre ich auf, es gibt so viel zu erzählen was einen für das ganze Leben geprägt hat

    schön deine Erinnerungen so kommt einen selbst wieder viel vor Augen
    liebe Grüße Jasmin

    wie schön zu sitzen auf dem Holz...

    AntwortenLöschen
  4. Hallo liebe Gisela,

    das erste Bild ist ja absolut bezaubernd.
    Ich habe selten ein Kinderbild gesehen, das so berührend auf mich wirkt.
    Starkes Kopfkino!

    Mir wurde als Kind immer mit den Spinnen im Keller gedroht. Also dass ich zur Strafe eben in den Keller gesperrt werden würde. Das ging dann soweit, dass ich mich schon von den Spinnennetzen fürchtete.
    Bis Heute sind mir Spinnen sehr unangenehm und bis Heute habe ich ein komisches Gefühl im Keller, obwohl mir niemals was passiert ist.
    Ja, es prägt sich einiges aus der Kindheit für immer ein, manches lässt sich verdrängen, aber manches auch nicht.
    Ich finde das sehr schade, dass ich keine Spinnen mag, es sind ja sehr nützliche und interessante Tiere. Aber das ganze gut Zureden hilft mir nichts, wenn ich im Haus eine sehe muss sie jemand tot machen ... sonst finde ich keine Ruhe und kann nicht einschlafen :-(

    Sonnige Grüße aus Nürnberg
    Karin

    AntwortenLöschen
  5. Jasmin, ich liebe Quarkkäulchen! Mmmh, lecker!

    Karin, mit den Spinnen ist es mir früher genauso gegangen, wie Dir. Wenn eine Spinne im Raum war, bin ich geflüchtet. Es kostet mich immer noch Überwindung, aber jetzt fange ich sie ein und bring sie nach draußen. Tot machen, das geht gar nicht!

    Liebe Grüße an Euch! :o)

    AntwortenLöschen