Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Sonntag, 22. Mai 2011

Alle Tage ist kein Sonntag...

In der Mitte der 50er Jahre hatte "Schmalhans" die deutschen Küchen verlassen. Alle waren gut genährt. Es stand genügend Essen auf dem Tisch, sonntags meist dreigängig, wobei Rindfleischsuppe, Koteletts mit Erbsen und Möhren und abschließend Schokopuddig mit Vanillesoße, ganz oben auf der Beliebtheitsskala meines Vaters stand.

In den Läden hatte man noch nicht die Auswahl wie heutzutage. Vieles wurde selbst angepflanzt oder hergestellt. Der Keller war voll mit Eingekochtem, Kartoffeln und Obst. Die Leute waren sparsamer. Es gab wenig Müll - man war weit entfernt von der heutigen Wegwerfmentalität. Alles wurde aufbewahrt und fand Verwendung. Die Menschen schätzten die Handarbeit, weil sie dadurch Geld sparen konnten. Heute ist es billiger, Kleidung aus dem Ausland zu kaufen. So etwas gab es damals nicht...auch keine Pizza vom Italiener, keine Pommes Frites oder Döner vom Türken. Nur wenige hatten Telefon und Fernseher. Niemand fuhr "mal eben" in Urlaub oder kaufte jeden Monat neue Klamotten. Man war sparsam, weil das Geld knapp war und die Löhne niedrig. Aber die Menschen waren zufriedener als heute und gingen respektvoller miteinander um. Ihnen steckten die elenden Kriegsjahre noch in den Knochen.

In den kleinen Geschäften wurde man noch persönlich bedient. Zwei Mal wöchentlich war Markt. Ich weiß noch, wie ich fröhlich hüpfend an der Hand meiner Mutter dorthin lief. Am Wurststand gab es eine Scheibe Fleischwurst. Wenn die Einkäufe erledigt waren, hopste ich genauso fröhlich aber durstig wieder neben meiner Mami nach Hause zurück. "Hast du Durst, dann geh nach Frau Wurst. Die hat ein klein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen!", sagte sie dann immer, wenn ihr mein Gequengel zu bunt wurde. Diese Geschichte gehört zu den guten Erinnerungen meiner Kindheit.

Manchmal durfte ich auch die mit frischer Milch gefüllte Blechkanne mit dem Holzgriff tragen. Dann fühlte ich mich mächtig stark und groß.


Das war die Zeit, in der ich meine Kosenamen bekam: Giselchen, die Dern (sagte mein Vater) und Püttichen.



Aber leider kann nicht alle Tage ein Sonntag sein.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Gisela,
    jetzt muß ich mal danke sagen für die netten Bilder, die uns immer zeigst. Die wecken in mir natürlich auch Erinnerungen an meine Kinderzeit, z. B. mußte ich schmunzeln, als ich die Milchkanne gerade sah!! Damit holte ich auch immer die Milch.
    Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag und schicke Dir liebe Grüße
    Crissi

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  2. Danke, Crissi! Später musste ich auch alleine zum Milchladen gehen. Da war ich heilfroh, wenn nichts daneben ging. Ich finde es schön, wenn Du ähnliche Erinnerungen hast, wie ich.

    Mit Sonne wird's heute nichts: Es regnet in Strömen. Aber die Natur freut sich.

    Liebe Grüße zurück!

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  3. Hi liebe Gisela,

    wie kann man "zufrieden" sein, wenn es alles (!!!) gibt? Das ist leider die Natur der Menschen, dass sie immer mehr - und noch mehr wollen.
    Vieles wissen wir erst zu schätzen, wenn wir es nicht mehr haben.

    Und manche sind glücklich, wenn sie einen Apfel zum Überleben bekommen, andere sind glücklich, wenn sie den dritten Porsche in der Garage haben ...!

    Ich kenne auch die Milchkännchen, kenne die kleinen Läden in denen man persönlich bedient wurde.
    Meine Mutter sagte damals:
    Das erste Wort, das ich in diesem Laden lesen kann, das würde ich bekommen.
    Ich hab mich furchtbar angestrengt und suchte mir ein extra langes Wort aus ... hahhaa
    Das war "ORANGEN".
    Hm ich bekam tatsächlich eine Orange, aber die hat mir überhaupt nicht geschmeckt! Bis heute mag ich kaum Obst. Egal welches.
    (und das als Vegetarier ... hihi)

    Durch deine Erinnerungen fallen mir auch hin und wieder einige Geschichten von damals ein.
    Diese Enttäuschung mit den Orangen hätte ich schon fast vergessen :-)

    Wir haben hier so tolles Wetter, dass ich mein Leguanmädchen aussen habe, aber Nachmittag soll der Regen aus Duisburg kommen ... *lach*

    Schönen Sonntag und liebe Grüße von mir.
    Achja ... süße Kinderbilder wieder.

    Karin

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  4. Hallo Gisela,

    Ich bin mir nicht sicher ob ich schon einmal deinen Blog besucht habe.Aber jetzt habe ich mir die Zeit genommen um deine Texte zu lesen.Auch meine Oma stammt aus Ostpreusen.
    Und sie hat mir einige Geschichte aus ihrem Leben erzaehlt.
    Auch kenne ich solche wunderschoenen Fotos von Frueher.Darum habe ich diesen Post von dir so genossen.
    Habe herzlichen dank fuer die kleine Familiegeschichte.

    Herzlich Conny

    Die auch leidenschaftlich gerne Handarbeit betreibt

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  5. Ich muss lachen, liebe Karin. Da hattest Du wohl eine saure erwischt. Solch ein Erlebnis ist oft prägend fürs Leben. Obstlose Vegetarierin? Da hast Du Dir nichts Leichtes ausgesucht.

    Dein Leguanweibchen ist draußen - ich bleibe heute drin. Es ist richtig schwül, weil es zu wenig Regen gab.

    Liebe Conny, Dein Bildchen sehe ich zum ersten Mal. Ich freue mich über Deinen Kommentar. Schön, wenn es Dir hier gefallen hat.

    Ich grüße Euch herzlich!

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  6. Liebe Gisela, das ist Geschichte zum Anfassen und immer so persönlich erzählt und die Fotos, die sprechen Bände.....
    Herzlichst Anett

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  7. Danke, liebe Anett! Ganz liebe Grüße nach Frankreich.

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  8. liebe Gisela, ja so rollen die Gedanken zurück, Dank deiner liebevollen Erinnerung, deine Fotos, ein Kinderherz, süß….
    Die wenigen Geschäfte, die es doch damals gab, denke ich jetzt an die Metro, die mich am Anfang fast erschlagen und beängstigt hat, Regale von oben nach unten voll?
    Ein Milchladen, ein Bäcker und ein Kolonialwarengeschäft, ja und Fleischer in dann später so ein kleiner Konsumladen, und das viele Jahre unverändert….das war alles, dann den Schuster und Schlosser, falls der Schlüssel hakte…was gab es noch? ach ja die Sammelstelle für Gläser, Papier und Lumpen!
    es hatte alles seinen Sinn….und alles wurde aufgehoben, nicht weggeschmissen.
    ja es war eine andere Zeit.
    liebe Grüße und besseres Wetter, herzlichst Jasmin
    jetzt höre ich mir die Musik an!

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  9. Liebe Jasmin, ein Konsum gab es später auch bei uns. Die Bauern fuhren mit Kartoffeln und Gemüse durch die Straßen, auch der Bäcker und der Milchhändler. Ein Brot kostete damals 1 DM. Das war ein großer, runder Laib, der noch richtig nach Sauerteig schmeckte. Außerdem waren Hausbesuche des Arztes keine Besonderheit, um die man betteln musste, sondern normal. Ja, alles machte Sinn und jeder hatte eine Aufgabe. Heutzutage haben "die Großen" alle "Kleinen" geschluckt.

    Wir müssen damit leben!
    Ganz liebe Grüße zurück.

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  10. liebe Gisela, der Brotpreis für ein 3 Pfund Brot, stelle es dir vor, war 1 Ostmark und 4 Pfennige...
    das große Brötchen( noch von Hand geformt und gebacken)nicht gekrümelt 1 Groschen
    und das über Jahre bis zur großen Vereinigung und als ich in der Schule war, gab es so einen kleinen Laden mit Allem, da haben wir uns eine Tüte (aus braunen Packpapier) mit Sauerkraut für einen Groschen geholt, das weichte dann immer so herrlich langsam durch, aber mmm... geschmeckt hat es besonders gut!
    liebe Grüße Jasmin

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  11. Ja, an das Sauerkraut, frisch aus dem Fass, kann ich mich erinnern. Das habe ich mir auch oft gekauft...und Eis am Stiel für 10 Pfennig. Ach, Jasmin, wir könnten jetzt noch lange weitermachen. :o)

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