Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Montag, 11. April 2011

Erinnerungen an Amanda Olga Buskies...



habe ich leider nicht, weil sie bereits 1952 - ein Jahr vor meiner Geburt - verstorben war. Als zweitjüngste Schwester meiner Oma wurde sie 1898 in Kanterischken/Ostpreußen geboren. Sie folgte ihren Schwestern nach Duisburg und lebte dort im gemeinsamen Haushalt mit Ehemann, Ferdinand Nicolay, dem Bruder meines Opas. Auch Schwester Hedwig lebte mit im Haus. Und wie das Leben so spielt, wenn zwei Frauen mit einem Mann zusammen leben, dann ist das Gefühlschaos nicht weit. Hedwig war ja bereits ihrem Ehemann Nr. 1 nach ein paar Tagen entflohen (s. Hochzeitsbild). Aber kein Mensch ist gerne alleine und sicher hat sie sich einsam gefühlt, als sie sich in den Mann ihrer Schwester verliebte und mit ihm ein Verhältnis einging, das sogar zu dritt im Ehebett endete. (wie Oma erzählte)

Olga hat das nicht verkraftet. Sie erhängte sich am Fensterkreuz. Ihr Schicksal habe ich immer besonders tragisch gefunden. Die Familie schwieg darüber. Hedwig heiratete Ferdinand und blieb mit ihm bis zu seinem Tod zusammen. Ob sie beide glücklich waren? Kann man sein eigenes Glück auf dem Unglück anderer aufbauen?

Wie alt mag Olga auf dem Foto gewesen sein? Vielleicht 15/16 Jahre alt!? Ich mag sie! Mir kommen immer die Tränen, wenn ich ihr Bild anschaue. Man sollte sehr sorgsam mit den Seelen anderer umgehen und das eigene Ego zurückpfeifen, wenn es sich wieder etwas nehmen will, das ihm gar nicht gehört.

Kommentare:

  1. Es ist immer wieder schlimm, welche Geschichten das Leben schreibt. Gerade was Beziehungen anlangt ist dein Satz so wahr: das eigene Ego zurückpfeifen... so schön formuliert. Das werd ich mal so sagen, wenn ich das in meiner Arbeit mal jemandem klar machen muss.
    Ich wollte noch sagen, wie schön ich den Spruch finde, den du bei Bora/kirschkernzeit hinterlassen hast. So wahre Worte.
    Danke und liebe Grüße!! maria

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  2. Liebe Maria, danke für Deinen Kommentar!

    Wenn Du meine Worte verwenden möchtest, macht mich das froh, denn dann sind sie nicht umsonst geschrieben worden. "Ego zurückpfeifen" ist sehr schwer, wenn Gefühle im Spiel sind. Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich hoffe, Hedwig und Olga sind nun miteinander im Frieden.

    Der Goethe-Ausspruch hat mir auch sehr gefallen.

    Sei herzlich gegrüßt!

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  3. liebe Gisela, es sind Leben, an die kaum einer mehr denkt, sie waren oft im Leben hart am Schicksal, und da gibt es so einen Spruch:
    "Unter jedem Dach ein Ach"
    ist es nicht so?
    nur früher wurde sehr oft verschwiegen, gerade diese Ereignisse,
    eine Urgroßmutter mütterlicher Seite ist in den Fluß gegangen, weil die Schwiegertochter ihr das Leben schwer gemacht hat,
    die Dorfbewohner haben sie noch mit den Holzlatschen durchs Dorf in Richtung Fluß laufen sehen....
    diese Probleme früher wie heute!
    liebe Grüße Jasmin

    ich habe den Schiller auch entdeckt wunderbar,
    ich habe gelesen, auch sein trauriges Ende,sie sind alle nicht alt geworden!

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  4. In meiner Familie gibt es so viele "Achs", wenn man abergläubisch wäre, könnte man denken, das ist ein Fluch.

    Auch heute wird über manche Dinge geschwiegen, um die schöne Fassade nicht zu beschmutzen.
    Früher gingen viele ins Wasser. Wieviel Mut gehört dazu, so etwas zu tun und wieviel Verzweiflung!?

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  5. Das Foto hat mich sofort berührt... dieses wunderschöne, reine Gesicht! Und dan begann ich zu lesen... und die Geschichte ist extrem voll irgendwie, wie aus einem Roman gegriffen, und man möchte gar nicht glauben, dass solche Dinge sich tatsächlich ereigen im echten Leben... Die Menschen können manchmal absolut unmenschlich sein... vor allem auch in der Liebe, denke ich manchmal, wird offenbar, wie ein Mensch ist, tief in seinem Inneren. Kürzlich habe ich, dank einem Link, den mir eine Freundin geschickt hat, eine kurze Reportage über Organsspenden gesehen. Und da war ein Mann, der seine kranke Frau bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Was er sagte, ging mir mitten ins Herz: "Man ist der Mann, der Partner, und in Gottes Namen, da ist es die Aufgabe, zu begleiten, zu stützen, zu pflegen. Wenn nicht ich, ja, WER DENN DANN?" (Also, das ist jetzt nicht wörtlich, nur so aus der Erinnerung bis aufs "wer denn dann", das ist mir besonders eingefahren). Als ich das gesehen habe, musste ich fast weinen, weil es mich so bewegt hat, wie ein Mann sich allen Widrigkeiten zum Trotz, seiner Aufgabe stellt. Aus Liebe, Aus Respekt. Aus Achtung und Anteilnahme an dem, was seine Frau erleben muss. Es gibt auch diese Geschichten.
    Danke für diese spanndenen Bilder aus deiner Vergangenheit, Gisela, und für deine lieben, berührenden Worte bei mir!
    Bora

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  6. Liebe Bora, diese Geschichte ist leider kein Roman. Liebe, sagt man, sei eine Himmelsmacht. Aber hat die irdische Liebe überhaupt etwas mit dieser Macht zu tun? Vor allem im vorliegenden Fall: Hat Olga ihren Mann geliebt? Vielleicht gab sie ihm keine körperliche Liebe mehr, und er hat sich von ihr ab- und Hedwig zugewandt? Ich kenne die Hintergründe nicht. Hat Hedwig Olgas Mann geliebt? Vielleicht hat sie auch gedacht, dass es zu dritt funktionieren könnte!?

    Ist die „himmlische“ Liebe nicht eine bedingungslose!? Wenn Olga ihren Mann wirklich geliebt hätte, hätte sie dann nicht zustimmen müssen? Wenn Ferdinand seine Frau wirklich geliebt hätte, wäre er ihr dann nicht treu geblieben? Und was wäre, wenn Treue nur aus Pflichtbewusstsein geschehen wäre, nicht aus den Tiefen seiner Empfindungen heraus? Wenn, wenn, wenn…

    Alles ist menschlich! Machen wir nicht einen großen Fehler, wenn wir glauben, dass der Partner lebenslang mit nur einer einzigen Person glücklich sein kann? Wer sind wir denn, dass wir annehmen, alle tiefen Wünsche und Bedürfnisse des anderen befriedigen zu können!? Liebe braucht Freiheit! Wahre Liebe funktioniert ohne Erwartungen an den anderen! Es sollte ein Wechselspiel aus Geben und Nehmen sein. Sich pflichtbewusst seinen Aufgaben stellen – aber bitte aus Liebe, nicht, weil man sich sonst schuldig fühlen würde. Ist nicht gerade DAS Liebe: Respekt, Achtung, Anteilnahme und Demut? Dankbar sein, für die Zeit, die man mit dem geliebten Menschen verbringen durfte und ihm bis zum Ende letzte Zärtlichkeiten schenken.

    Danke für den Gedankenaustausch!

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