Giselchen strickt

Meine Oma stammt aus Ostpreußen, deshalb nannte sie mich "Giselchen". Meine Handarbeitskenntnisse verdanke ich ihr und meiner Mutter. So soll dieser Blog nicht nur dies "Erbe" widerspiegeln, sondern auch an das ferne Ostland erinnern, das ich selbst nicht kennenlernen konnte. Ich möchte hier außerdem einige meiner Strickarbeiten archivieren. Wenn ich ein gelungenes Werk zeigen und die Strickerfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnte, wäre meine Freude übergroß. Handarbeit, Besinnliches, Erhaltenswürdiges und erinnern an längst Vergangenes, das möchte ich in meinem Blog...lasst uns wie die Kinder Freude haben.

Dienstag, 5. April 2011

Elisabeth Marta Buskies...

...war eine Schwester meiner Oma. Sie wurde 1890 in Grandeningken, Ostpreußen, geboren und starb 1964 in Bedburg-Hau. In den Zwanziger Jahren war sie meiner Oma nach Duisburg gefolgt, denn im Ruhrgebiet gab es Arbeit und ein gutes Auskommen. Niemand war in Ostpreußen zurückgeblieben. Marta, von mir als Kind „Tante Ratta“ genannt, war wohl eine „patente“ Frau gewesen. Das hatte jedenfalls mein Vater immer betont.

Sie war mit einem Beamten namens „Eichholz“ verheiratet, der wohl in den letzten Kriegsjahren verstorben war. Auf dem Hochzeitsbild ihrer Schwester Hedwig wurden beide zusammen abgelichtet.



Über den Tod ihres Mannes ist sie nie hinweg gekommen. Sie bewohnte ein kleines Zimmer in dem Haus, in dem ich geboren wurde. Dort lebte ich gemeinsam mit Oma, Opa und meinen Eltern. Nach und nach verfiel Tante Ratta dem Methylalkohol. Bevor sie nach Bedburg-Hau in die Nervenheilanstalt gebracht wurde, saß sie oft tagelang auf den Treppenstufen, aß und trank nichts mehr und phantasierte den lieben Tag lang. Ich weiß noch, dass sie sich manchmal Karo-Kaffee anrührte und diesen Brei dann aß. Das muss Mitte der 50er Jahre gewesen sein, denn ich war noch sehr klein, als unser Hausarzt plötzlich zu uns kam, um sie einzuweisen. Kurz zuvor war sie mit einer Axt zu Opa in den Garten gelaufen und hatte geschrien, er solle sie doch endlich umbringen.

Kurz vor ihrem Tod habe ich sie noch einmal zusammen mit meinen Eltern in Bedburg-Hau besucht.

Oma erzählte mysteriöse Dinge über ihre Schwester Marta. Einmal sei diese ins Dorf zum Tanz gegangen und hätte dort einen finster wirkenden Mann kennen gelernt. Völlig verändert wäre Marta danach auf den Gutshof zurückgekehrt. Sie sei fortan wie verhext gewesen und geistesabwesend herumgelaufen. Oma erzählte, sie habe ihre Schwester daraufhin gefragt, was denn passiert sei. „Jede Nacht kommt jemand und holt mich!“, hatte Marta ihr wie in Trance berichtet. Oma wollte das nicht glauben und bot ihr an, am Abend das Bett zu tauschen. Sie erwachte mitten in der Nacht, weil jemand an ihrer Decke zog und raunte: „Das ist sie nicht!“ Dann wäre ein Heulen durch Haus und Garten gegangen, das eiserne Hoftor sei mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen und die Tiere im Stall hätten gelärmt. Der Spuk sei nach diesem Vorfall vorbei gewesen und Martas Zustand hätte sich wieder normalisiert.

Omas Berichte über die ostpreußische Welt gaben mir als Kind und Jugendliche erste Einblicke in die Welt der Mystik und der Geister. Hat „der Dunkle“ sie letztendlich doch noch geholt? Ich hoffe nicht!

Kommentare:

  1. Liebe Gisela,

    das sind schöne und ungewöhnliche Erinnerungen.

    LG von Juliane

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  2. Ja, die östliche Verwandtschaft war ungewöhnlich mystisch. Liebe Grüße zurück!

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  3. Liebe Gisela,
    ja, es rennt ein Schauer über den Rücken.
    Dennoch eine interessante Erzählung - und es bewahrheitet sich, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit fassen kann.

    Wie gut, dass nichts Böses den Sieg behalten kann, wenn wir es nicht wollen, wenn wir Gott die Macht über uns erteilen.

    Ich hoffe, ich bin nicht zu direkt ...

    Danke fürs Erzählen.
    Und liebe Grüße von Gisa.

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  4. Gisela, ich finde es sehr bemerkenswert, dass du so viele alte Bilder hast und sie hier, mit den dazugehörigen Geschichten präsentierst.
    Es liest sich sehr spannend und es berührt.

    Lieben Gruß von Karin

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  5. Liebe Gisa, wir haben immer die Wahl, aber es ist erschreckend, wenn man manipuliert wird und ahnt es nicht. Ich habe hier nur eine von vielen Geschichten erzählt. Ja, ich denke, DIE Wahrheit liegt hinter dem Wissen, jenseits unserer Wahr-nehmung.

    Liebe Karin, die Bilder habe ich vor der Vernichtung gerettet. Mein Vater hatte bereits viele Fotos weggeworfen. Oma hat mir die Geschichten erzählt. Es werden noch weitere folgen, die ich hier nacherzählen möchte...ebenso spannend und manchmal unfassbar.

    Danke für Eure Kommentare und liebe Grüße!

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